Time to say Goodbye

Mitte April 2020 muss sich unsere Wwoofing-Gastgeberin Jenny neue Aufgaben für uns ausdenken. Im Garten hat sie nichts mehr für Alex und mich zu tun. „Heute habe ich die langweiligste Aufgabe der Welt für euch“, verkündet sie an einem Dienstag. Einen Stuhl nach dem anderen trägt sie aus ihrem Wohnzimmer auf die Terrasse vor ihrer Haustür. Wir sollen die Holzlehnen mit Sandpapier abschleifen, erklärt uns die 77-Jährige: „Wenn wir sie danach einölen, sehen sie wieder aus wie neu!“

Nachdem Alex und ich uns mit Stahlwolle an den ersten zwei Stühlen zu schaffen gemacht haben, bezweifle ich das. Die abgeriebenen Lehnen sind zerkratzt. Ich habe den Eindruck, dass wir den Zustand der Stühle eher verschlimmern als verbessern. „Nein, nein, das wird!“, ermutigt Jenny mich. Ich hätte nicht gedacht, dass sie Recht behalten würde – auch mit der Bezeichnung „langweiligste Aufgabe der Welt“. Alex holt seinen Laptop, lässt Musik laufen, das macht es etwas besser. Wir schrubben im Rhythmus von The Middle (Jimmy Eat World) und Losing My Religion (R.E.M.).

Den Rest des Aprils verbringen wir mit ähnlichen Aufgaben. Wir schmirgeln Jennys Gartenmöbel. Die abgeschliffenen Stühle behandeln wir mit Terpentin und Pflegeöl. Wir verspachteln Fliesen in unserer Küche, putzen alle Fenster, entfernen die Spinnweben von der Hauswand. Wir topfen Blumen um, pflanzen Sukkulenten, streichen Jennys Grill und ihre Schubkarre. „Gute Arbeit“, kommentiert Jennys Nachbar Eric, 74. „Wenn ihr in Deutschland einen Garten habt, wisst ihr, was zu tun ist!“ Nach gut vier Wochen in Port Albert hat der alte Mann uns in sein Herz geschlossen.

Die letzten Arbeiten im Garten: vorher …
… und nachher. Mit einer Plane transportieren wir die Pflanzenreste zu dem Stapel auf der Schafweide.
Eric (li.) fährt das Gerüst eines alten Gewächshauses und andere Metallabfälle mit seinem Anhänger zum Recyclinghof.
Mithilfe einer Leiter schneiden wir Rosenranken vom Verandadach.

Am 27. April verkündet Premierministerin Jacinda Ardern, Neuseeland habe den Kampf gegen das Coronavirus gewonnen. Zwei Tage später fahren Alex und ich erstmals wieder selbst einkaufen. Bisher bestand Jenny auf ihre wöchentlichen Einkäufe mit Eric. Der Nachbarort Wellsford ist nur zehn Kilometer entfernt, doch die Fahrt dorthin kommt uns vor wie eine Weltreise. Seit wir am 25. März bei Jenny angekommen sind, sind wir in unserem Auto Diggitwo nur ein paar Mal zum Fluss gefahren, um die Batterie am Leben zu halten. Es fühlt sich seltsam an, unsere gewohnte Umgebung zu verlassen. Einen Monat lang waren wir nur in Port Albert.

Obwohl Wellsford nicht einmal 2000 EinwohnerInnen hat, sind Alex und ich etwas überfordert vom Gegenverkehr und den vielen anderen Menschen. Im Vergleich zu dem winzigen Ort Port Albert, zu seinen weniger als 200 EinwohnerInnen, wirkt Wellsford auf uns wie eine Großstadt. Im Supermarkt sind wir die Einzigen, die Masken tragen. Unser Einkauf sieht aus wie der von zwei Teenagern, die ihr Weihnachtsgeld verpulvern: Wir kaufen Chips, Popcorn, Kekse, Schokolade und eine Flasche Cola. Jenny hat uns vier Wochen mit allem bestens versorgt, außer mit Süßigkeiten.

Den Abend unseres zweijährigen Reisejubiläums verbringen wir am 30. April 2020 zu zweit in unserem Studio. Eigentlich hätten wir den Tag auf hoher See verbringen sollen, auf einem Schiff mit Kurs auf die Westküste der USA. Stattdessen stoßen wir mit Cola auf unser Unterwegssein an.

Der 1. Mai ist unser letzter Arbeitstag bei Jenny. Aber das wissen wir morgens noch nicht. Erst am Mittag teilt unsere Gastgeberin uns mit, das jetzt ein Datum für ihren Umzug nach Wellington feststeht. Wegen der Pandemie musste er mehrmals verschoben werden. Auch wenn Jenny in die Nähe ihrer Schwester ziehen wird, fällt es mir schwer, mir sie in einem Vorort der Hauptstadt vorzustellen. Ohne ihren weitläufigen Garten, in dem wie in einem Garten Eden alles wächst – von Birnen, Kürbissen und Bohnen bis zu Avocados. Ohne die Aussicht von ihrer Veranda auf den Oruawharo River, dessen Anblick mit dem Wetter dutzende Male täglich wechselt. Ohne ihren Kater Morg, den sie in ihr neues Heim nicht mitnehmen kann, weil nebenan ein Naturschutzgebiet mit gefährdeten Vögeln ist. Und ohne die täglichen Besuche von ihrem Nachbarn und sehr guten Freund Eric. „Er wird sie sicher wahnsinnig vermissen“, sage ich zu abends Alex.

Der Blick von Jennys Veranda ist auch bei Nebel schön.
In Jennys Garten wachsen sogar Khakis.
Katze Mindy darf mit nach Wellington umziehen.
Ihr Bruder Morg muss in Port Albert bleiben.
Das Dorf rund 90 Kilometer nördlich von Auckland hat weniger als 200 EinwohnerInnen.

Zwei Wochen können wir noch bei ihr bleiben – so lange, bis wir eine neue Bleibe gefunden haben, sagt Jenny. Da sie keine Arbeiten mehr hat, die wir für sie verrichten können, vereinbaren wir, dass Alex und ich von nun an wieder für uns selbst einkaufen und kochen. Abends darauf tun wir das zum ersten Mal auch für Jenny, wenn man von ein paar Pflaumen-Crumbles absieht, die ich gebacken habe. Zu ihrem Teller Thai-Curry überreichen wir ihr an der Haustür eine Flasche Wein und einen Strauß Amaryllis. „Das fühlt sich ja wie ein Abschied an!“, sagt Jenny. „Wir sind doch noch nicht soweit.“

Doch der Abschied rückt gefühlt sehr schnell näher. Während unserer letzten zwei Wochen in Port Albert arbeitet Alex an einem Logo für einen deutschen Kunden, ich schreibe einige Bewerbungen für Redakteursstellen. Außerdem unternehmen wir nach Wochen im Lockdown unsere ersten Ausflüge in die Umgebung: In den welligen und waldigen Ātiu Regional Park, von dem Eric mir erzählt hat. Zur alten Kapelle, wenige Kilometer außerhalb von Port Albert, auf deren Friedhof einige der ersten Albertländer beerdigt sind. Die Westküste entlang in Richtung Süden, rechts das raue Meer. Durch das abgeschiedene Landesinnere an die Ostküste, zum sonnigen Snell’s Beach.

Der Ātiu Regional Park ist eins der ersten Ausflugsziele nach dem Lockdown.
Wegen der Pandemie darf man nicht mit dem Auto hineinfahren.
Der 843 Hektar große Regionalpark ist noch immer ein bewirtschafteter Bauernhof.
Das Gelände wurde dem Regionalrat von Auckland von dem Philantropen-Ehepaar Jackie und Pierre Chatelanat geschenkt.
Neuseeland-Klischee: sanfte Hügel, Schafherde
Die Fenster der Minniesdale Chapel wurden per Schiff von England nach Neuseeland gebracht.
Manche der Gräber auf dem kleinen Friedhof neben der Kirche stammen noch aus dem 19. Jahrhundert.

Abends suche ich im Internet nach Wwoofing-Möglichkeiten in der Nähe. Bald werde ich fündig: Unweit von Matakana, nur 40 Kilometer entfernt von Port Albert an der gegenüberliegenden Küste, suchen Christina und ihr Mann David nach Verstärkung bei der Gartenarbeit. Die beiden haben vor Kurzem eine Luxusimmobilie in Monarch Downs gekauft, einem mehrere Hektar großen Wohngebiet mit wenigen, weit verteilten Anwesen gut betuchter Anwohner. Dazwischen Wiesen, Schaf- und Rinderweiden, Ententeiche. Wir bekommen schnell eine Zusage. Am 15. Mai, einen Tag, nachdem die nationale Covid-Alarmstufe von drei auf zwei gesetzt werden wird und Reisen im Inland wieder möglich sind, werden wir umziehen.

An unserem letzten Tag in Port Albert putzen wir unser Studio, packen und spazieren nochmals zum Pier am Oruawharo River. Dort unterhält Eric sich mit Hank und Ty, die in ihren Vans am Flussufer leben. Abends sehen wir ihn wieder, Jenny hat uns drei zu einem Abschiedsessen eingeladen. Um halb acht klopfen wir an ihre Haustür. Wir lassen die Schuhe vor dem Eingang stehen. Auf der Kochinsel in der offenen Küche hat Jenny bereits Käse und Cracker vorbereitet. „Mögt ihr Sekt?“, fragt sie, holt Gläser aus dem Schrank.

Alex und ich amüsieren uns über unsere Gastgeberin und Eric, die wie ein altes Ehepaar zanken, während Jenny Gemüse schnippelt. Sie lässt sich wie immer Zeit beim Kochen, erst um 21.45 Uhr setzen wir uns an den Esstisch; auf die Stühle, die Alex und ich geschmirgelt und poliert haben. „Sie sehen wirklich toll aus!“, freut Jenny sich. Sie stellt gegrillte Auberginen und Zucchini, Kartoffelschnitze, Pilze und mit Tomatenlinsen gefüllte Mini-Paprika auf den Tisch. Zum Nachtisch serviert sie gegen 23 Uhr Pavlova, die typisch neuseeländische Baiser-Torte, deren Erfindung auf Gastauftritte der russischen Ballerina Anna Pawlowa Ende der 1920er-Jahre zurückgeht und sowohl von Neuseeland als auch von Australien für sich beansprucht wird.

Zum Abschied schenken wir Jenny Fotos von ihrem Haus, den Katzen, ihrem Garten, dem Fluss, von ihr und Eric. Und ein gemaltes Bild von Alex. Darauf hebe ich Monarchfalterraupen von einer Ballonpflanze zur anderen, im Hintergrund schleppt Alex schwitzend einen Baumstamm. „Zum Brüllen!“, ruft Jenny, lacht und kann sich gar nicht satt sehen. „Müsste das nicht eher andersherum sein?“, scherzt Eric augenzwinkernd. „Wollt ihr noch einen Tee?“, fragt Jenny um Mitternacht. Wir winken lachend ab.

Tags darauf trinken wir noch einen letzten gemeinsamen Kaffee beziehungsweise Tee auf Jennys Veranda. Um kurz nach 14 Uhr verabschieden wir uns von unseren beiden Lockdown-Buddys. Mein Bauch zieht sich zusammen, als wir aus Port Albert hinausfahren. Sieben Wochen waren wir hier. So lange wie nirgendwo sonst seit dem Beginn unserer Reise.

Piep-piep-piep: Abschiedsabendessen mit Eric und Jenny
Mitternachts-Pavlova
Alex‘ Abschiedsbild: „Müsste das nicht eher andersherum sein?“
Time to say Goodbye: Auf dieser Straße fahren wir aus Port Albert.
Nun gehören sie der Vergangenheit an, die abendlichen Spaziergänge zum Oruawharo River.
  1. Marina Grüner

    Was wohl aus dem Haus geworden ist. wenn ich das so lese kommt es mir vor, als ob Ihr noch da seit. Und doch ist alles so weit weg. Ich kann mir alles sehr gut vorstellen. Erinnert mich viel an meine Reise durch Neuseeland.

    • schrittwaerts

      Ja, das fragen wir uns auch manchmal, wie es dort jetzt aussieht… Ein Nachbar hat das Haus gekauft und wollte mit seiner Familie einziehen. Aber er hat es wohl nicht so mit Obst- und Gemüsegarten.
      Jaaa, viele Erinnerungen an die gemeinsame Reise 🙂

  2. gibt es noch einen Abschlussbericht, wie ihr wieder nach Deutschland gekommen seid?

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