Von Braunbären zu Graf Dracula

Was man auf eine Wanderung in den Karpaten mitnehmen sollte, um sich vor einem Bärenangriff zu schützen? Eine Querflöte, eine Trompete, Feuerwerk, Knallkörper und Pfefferspray. Das zumindest empfiehlt die rumänische Webseite Făgăraș Mountains. Wir nehmen nichts von alledem mit, als wir an einem Morgen Mitte Juni in Georges Taxi steigen und uns von Făgăraș nach Sâmbăta de Sus fahren lassen. Doch bei der Vorstellung, wie wir versuchen, einen zähnefletschenden Braunbären mit einem Lied auf der Querflöte in Zaum zu halten, muss ich während der halbstündigen Fahrt immer wieder schmunzeln.

Busse fahren nicht in das kleine Dorf am Rand der Südkarpaten, in dem wir unsere Tour zur Schutzhütte Cabana Valea Sâmbetei auf 1401 Meter Höhe beginnen. Um kurz vor halb zwölf brechen wir auf, spazieren fünf Kilometer am Fluss Sâmbăta entlang, bevor wir durch den Wald den Berg hinaufsteigen. Zuerst aber schauen wir uns das schöne Brâncoveanu-Kloster an, in dem unter der Führung des Abts Pater Archimandrit Ilarion Urs ungefähr 40 Mönche leben. Das Kloster mit den Lavendelreihen, weißen Säulengängen und aufwendigen Wandmalereien gilt als der wichtigste rumänisch-orthodoxe Wallfahrtsort in Siebenbürgen.

 

Das Brâncoveanu-Kloster in Sâmbăta de Sus
Säulengang
Unter Nicolae Ceaușescu (von 1965 bis 1989 Diktator der Sozialistischen Republik Rumänien) wurde das Kloster renoviert.

Auf dem Weg zur Hütte treffen wir nur wenige andere Wanderer: ein junges Paar, einen Pfarrer und drei alte Damen. Kurz vor dem Ziel kommen uns noch zwei Männer und eine Frau um die 60 entgegen. „Wir waren zuletzt vor 30 Jahren hier“, sagt sie und deutet Richtung Hütte. „Es ist schade, dass sie alles so verfallen lassen haben.“ Tatsächlich finden wir die Gebäude in einem miserablen Zustand vor, als wir gegen halb drei ankommen. Während wir unsere mitgebrachten Käsebrote essen, umkreisen uns Dutzende kleine Fliegen. Den Hund, der unter einer Holzbank in der Nähe liegt, kann ich gar nicht anschauen. Er hat struppige graue Haare und eine blutende, aufgekratzte Nase. Auch ihn umkreisen unzählige Fliegen. Am liebsten würde ich ihn mitnehmen und gesund pflegen.

Wir bleiben nicht lange. Nach dem Essen ziehen wir unsere Jacken an, es ist kälter als im Tal. Auf dem Massiv am Horizont liegt noch etwas Schnee. Auf dem Rückweg kann ich mich kaum vom Anblick der Berge losreißen, obwohl nur wenige Gipfel hinter der dichten weißen Wolkenwand hervorlugen. Immer wieder drehe ich mich um. „Nur noch ein Foto!“, sage ich ungefähr zwanzigmal zu Alex.

 

Durch den Wald geht es den Berg hinauf.
Kurze Pause
Rund sechs Stunden wandern wir an diesem Tag.
Auf knapp 1400 Metern Höhe
Esel grasen neben der Schutzhütte.

Abends kehren wir nach Făgăraș zurück. George holt uns um halb sechs vor dem Kloster ab. Vor einem Supermarkt lässt er uns aussteigen. In einer Seitenstraße kommt uns eine Frau mit Kopftuch entgegen, die zwei braune Kühe vor sich hertreibt. Ein idyllischer Anblick. Alex bleibt stehen, hält sich die Kamera vors Auge. Das gefällt den Kühen gar nicht. Die rechte setzt sich kurz entschlossen in Bewegung, rennt auf uns zu. Wir machen auf der Stelle kehrt, verstecken uns hinter einem Auto. Warum, noch mal, haben wir die Querflöte nicht mitgenommen?

Erschöpft kommen wir in unserer Unterkunft an. Im Gartenhaus von Kyle und Petry Groza verbringen wir vier Nächte. Kyle ist Amerikanerin. Sie kam vor 15 Jahren nach Rumänien, um Englisch zu unterrichten. Dann lernte sie Petry kennen. Heute betreiben sie und ihr Mann eine Stiftung, die jungen Roma helfen soll, schulisch und beruflich ihren Weg zu finden.

„Als ich zum ersten Mal in Rumänien war, gab es hier nicht einmal Supermärkte“, sagt Kyle an unserem ersten Abend. Wir sitzen im Wohnzimmer der Familie, die drei Mädchen rennen lachend von der Küche in ihr Zimmer. Kyle setzt sich auf einen Sessel. Seit Rumänien der EU beigetreten sei, habe sich vieles zum Besseren gewendet, sagt sie. Vor allem in die Infrastruktur sei viel Geld investiert worden. Doch nicht alle Rumänen würden sich über die EU-Mitgliedschaft freuen. „Sie haben Angst, ihre eigene Kultur zu verlieren. Und es stimmt ja: Starbucks, McDonald’s und Coca Cola gibt es jetzt auch hier. Aber wenn man nur 20 Minuten aus der Stadt herausfährt, kommt man in Dörfer, in denen die Leute noch nie etwas von McDonald’s gehört haben.“

Sie selbst sei durch ihr Leben in Rumänien zu einem besseren Menschen geworden, sagt Kyle. Selbstverständlich gebe es, wie in jedem Land, auch Nachteile. „Außerdem spreche ich die Sprache nicht so gut und kann meinen Töchtern deshalb nicht immer bei den Hausaufgaben helfen, obwohl ich selbst Lehrerin bin.“ Dafür seien die Menschen sehr großzügig und der Zusammenhalt, gerade in der Familie, sei unbeschreiblich. „In den USA würde man seinen Cousin zum Beispiel nicht um 2 Uhr nachts anrufen, um sich abschleppen zu lassen, wenn das Auto unterwegs liegen geblieben ist.“

 

Die Burg ist das Wahrzeichen von Făgăraș.
Kathedrale Johannes der Täufer
Pferdekarren gehören im ländlichen Rumänien noch immer zum Alltag.

Die Gastfreundschaft der Rumänen dürfen wir bei Kyle und Petry ein zweites Mal erleben. An unserem Abreisetag fährt Petry uns mit unserem Gepäck zum Bahnhof. Mit dem Zug fahren wir weiter nach Brașov. Unter unserem Waggon bricht auf der Strecke Rauch aus, doch nach einer kurzen Pause, in der das Problem offenbar behoben wird, geht es weiter. Ein ungutes Gefühl haben wir während der restlichen Fahrt trotzdem.

In Brașov beziehen wir ein Zimmer in der Wohnung von Thea, deren Hündin Suki, ein weißer Spitz, uns nicht so ganz geheuer ist. Das Tier bellt und knurrt jedes Mal, wenn wir aus der Stadt nach Hause kommen. Brașov erinnert uns wegen seiner Kessellage und den Tannen, zumindest aus der Vogelperspektive, zugleich an Stuttgart und Bad Wildbad – die Stadt, in der wir zuletzt gearbeitet haben und die Stadt, in der Alex aufgewachsen ist. Die kleine Altstadt mit der hübschen Schwarzen Kirche und dem gelben Rathausturm gefällt uns sehr. Eigentlich sind wir aber aus einem anderen Grund gekommen: Wir wollen uns das 30 Kilometer entfernte Schloss Bran, das Dracula-Schloss, anschauen.

 

Hanglage: Erinnerungen an Stuttgart und Bad Wildbad
Blick auf das Alte Rathaus von Brașov
Am Rathausplatz
Volkstänzer
Schwarze Kirche

Mit dem Bus unternehmen wir einen Tagesausflug nach Bran. In dem kleinen Ort scheinen alle Einwohner vom Tourismus zu leben. Der Platz vor dem Eingang zum Schloss ist voller Stände, an denen Hüte, Bälle, türkischer Honig, gruselige Fellmasken, Holzschnitzereien und Bilder von Heiligen verkauft werden. Als Teil einer Spanisch, Englisch, Deutsch, Portugiesisch und Chinesisch sprechenden Menschenmasse lassen wir uns in das Schloss treiben. Wir haben keine Erwartungen an das im 14. Jahrhundert erbaute Schloss, deshalb sind wir nicht enttäuscht von der spärlichen Einrichtung, den auf alt getrimmten Zimmern und den Schautafeln, auf denen die Geschichte des Schlosses und der Zusammenhang mit der Dracula-Legende erklärt wird. Tatsächlich soll das historische Vorbild für Bram Stokers Romanfigur, der walachische Fürst Vlad III. Drăculea, nie dort gelebt haben. Man muss das Schloss also nicht unbedingt gesehen haben.

 

Quatschi vor dem Dracula-Schloss
Eine alte Dame verkauft Heiligenbilder vor dem Eingang zum Schloss.
Das Schloss Bran wurde im 14. Jahrhundert erbaut.
Spärliche Möblierung, aber schöne Kronleuchter.
Platzangst sollten die Besucher besser nicht haben.
Mella genießt den Ausblick …
… auf den Innenhof …
… und das Dorf Bran.

In Iași, nahe der Grenze zu Moldawien, verbringen wir unsere letzten Tage in Rumänien. Wir schauen uns den Kulturpalast an, gehen in einem Park um die Ecke joggen. Die schönen Moldau-Klöster in der Nähe, wegen denen die meisten Touristen kommen, besuchen wir nicht. Es mag an der Stelle vielleicht nicht so scheinen, aber Sightseeing hat für uns, auf dieser Reise, nur einen untergeordneten Stellenwert. Es geht uns nicht darum, möglichst viele Kirchen, Burgen und Museen zu besuchen. Wir möchten vor allem mit den Menschen in Kontakt kommen, ein Gefühl für die Orte entwickeln, in denen wir uns aufhalten. Und immer wieder arbeiten. Wir sehen die Reise nicht als Urlaub, sondern als einen Lebensabschnitt – in dem wir vielleicht auch noch lernen werden, ein Lied auf der Querflöte zu spielen.

 

Kulturpalast in Iași

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