Schwesternzeit

Es geht bereits bergab, als die Japanerin sich übergibt. Das zierliche Mädchen in der Reihe vor uns beugt sich verkrampft über ihre Plastiktüte. Nein, die Strecke von Chiang Mai nach Pai ist nichts für schwache Mägen. Sie hat angeblich 762 Kurven.

Tatsächlich quält sich der Minivan seit gut zwei Stunden von Kehre zu Kehre. Erst den Berg hinauf, dann wieder hinunter. Meiner Schwester Petra und mir machen die Serpentinen und der rasante Fahrstil des Fahrers zum Glück nichts aus. „Die Arme“, sagt Petra mit Blick auf unsere leidende Mitfahrerin. „Uns hätte man halt auch rückwärts in den Bus setzen können.“

Um kurz nach halb eins erreichen wir Pai. Es ist wärmer als erwartet – der kleine Bergort im äußersten Norden Thailands, ein beliebtes Ziel von Rucksackreisenden und Aussteigern rund 130 Kilometer nördlich von Chiang Mai, ist bekannt für sein kühles Klima.

Als wir uns auf den Weg zu unserer Unterkunft machen, sind es 31 Grad. Die Rucksäcke wiegen schwer auf unseren Schultern. Das kleine Guesthouse, in dem wir diese und die folgende Nacht verbringen werden, liegt etwas außerhalb der 2000-Einwohner-Stadt auf einem Hügel.

 

Der Bergort Pai liegt rund 130 Kilometer nördlich von Chiang Mai. Nach Bangkok sind es mehr als 800 Kilometer.
Felder und Berge umgeben die 2000-Einwohner-Stadt.
Eine Mini-Tankstelle außerhalb Pais.

Völlig verschwitzt kommen wir dort an. Josh, der Besitzer, begrüßt uns auf der Terrasse. Auch er ist ein Zugereister, kommt eigentlich aus Irland. Seine Freundin Jib, deren Dreadlocks bis knapp über den Boden reichen, ist dagegen in Pai aufgewachsen. „Hier kann es richtig kalt werden“, bestätigt sie. „Die Leute sind immer wieder überrascht, wenn es plötzlich auf sieben oder acht Grad abkühlt.“

Von den niedrigen Temperaturen bekommen wir während unseres Kurzbesuchs anfangs wenig mit. Nach einer kurzen Dusche brechen wir zu einem ersten Rundgang durch den Ort auf. In dem hippen Café einer etwa 60-jährigen Britin essen wir ein spätes Frühstück. Wir bestellen Früchte mit Joghurt und Müsli, eine Schale Porridge mit Rosinen und zwei Milchkaffees. Beim Essen planen wir die nächsten beiden Tage.

Anschließend spazieren wir durch das Zentrum. Wir sind überrascht davon, wie touristisch Pai ist. In den Straßen reihen sich Tattoo-Läden an Hipster-Cafés und ein-Zimmer-große Geschäfte mit Batik-Kleidung. Auf dem Weg zum White Buddha, der zwei Kilometer außerhalb der Innenstadt auf einem Berghang thront, treffen wir mehr Ausländer als Einheimische.

Während wir an der Straße entlanglaufen und von Rollerfahrern mit Selfie-Sticks überholt werden, frage ich mich, ob es in Thailand überhaupt noch Orte gibt, die nicht vom Tourismus verändert wurden. Orte ohne Massage-Studios, billigen Alkohol und kostenloses WLAN. Wahrscheinlich müsste man in entlegenere Provinzen vordringen, um herauszufinden, wie das Land jenseits des Massentourismus aussieht. 2018 machten mehr als 38 Millionen Menschen Urlaub in Thailand.

Dass auch wir Teil dieser Entwicklung sind, ist mir unangenehm bewusst. Zwar trägt der Tourismus zum Lebensunterhalt zahlreicher Thais bei, ist ein wichtiges wirtschaftliches Standbein. Doch viele Städte des Landes scheinen nur noch auf die Befriedigung der Wünsche ihrer zahlenden Gäste ausgerichtet zu sein. Mit ihren bunten Werbeplakaten, 7-Eleven-Shops und Rooftopbars sind sie kaum noch voneinander zu unterscheiden.

 

Kleine Geisterhäuschen stehen in Thailand vor fast jedem Gebäude. Sie sollen den Erdgeistern ein Zuhause bieten.
Die Walking Street im Zentrum ist abends für den Verkehr gesperrt.
Ab 17 Uhr sind die Essensstände in der Fußgängerzone geöffnet. Petra probiert die Dumplings.
Leute beobachten an der Walking Street. Mit Stil.

353 steile Stufen führen zu der weißen Buddha-Statue am Wat Phra That Mae Yen. Der Tempel bietet einen herrlichen Blick über Pai und die Felder, die die Stadt umgeben. „Stopp!“ Vor dem letzten Abschnitt werden Petra und ich aufgehalten. Die zwei Frauen am Verkaufsstand links neben der Treppe winken uns zu sich. Unsere Röcke sind ihnen zu kurz. Um den Buddha besichtigen zu können, müssen wir lange Wickelröcke ausleihen.

Während wir uns die bunten Stofftücher um die Hüften schlingen, geht ein junger Mann in sehr kurzen Shorts an uns vorbei. Ungläubig schaue ich ihm hinterher. „I know, right? It’s so not fair“, sagt ein Mädchen, das meinen Blick bemerkt. Auch sie trägt einen Wickelrock.

Auf der Aussichtsplattform setzen Petra und ich uns einen Augenblick. Wir schauen auf die Berge und das Tal, knipsen viele Fotos. Unter uns ist alles grün. Kurz vor Sonnenuntergang machen wir uns auf den Heimweg. Wir möchten nicht in der Dunkelheit an der Straße entlanggehen, auch wenn vor allem Roller unterwegs sind.

 

Der Weiße Buddha am Wat Phra That Mae Yen gehört zu Pais Hauptattraktionen.
353 Stufen führen zu der Statue zwei Kilometer außerhalb der Stadt.
Um den Buddha besichtigen zu dürfen, müssen Petra und ich lange Wickelröcke ausleihen.
Kurz vor Sonnenuntergang füllt sich die Aussichtsplattform vor dem weißen Buddha.
Petra und ich machen uns auf den Heimweg. Wir wollen nicht in der Dunkelheit zurücklaufen.

Am nächsten Morgen leihen wir uns Fahrräder. Mit ihnen radeln wir nacheinander zum Landsplit, dem Pam-Bok-Wasserfall und zur Boon-Ko-Ku-So-Brücke. Bis zum Abend fahren wir mehr als 20 Kilometer, schieben aber häufig. Die Gegend um Pai ist extrem hügelig. Und es ist heiß, trotz der vielen Wolken.

Schon der Weg aus der Stadt heraus führt steil nach oben. Wir schwitzen beide, während Autos, Roller und Minibusse an uns vorbeiziehen. Bald verlassen wir die Hauptstraße. Auf einer Straße voller Beulen und Schlaglöcher fahren wir zum Landsplit, einem Canyon in Miniaturform, der 2008 bei einem Erdbeben entstanden ist.

Als wir ankommen, sind wir die einzigen Touristen. Trotzdem kann uns die elf Meter tiefe Erdspalte nicht begeistern. Auch der Pam-Bok-Wasserfall knapp drei Kilometer weiter ist eher ein Nice-to-have als ein Must-see. Dafür gefällt uns die Boon-Ko-Ku-So-Brücke umso besser. 800 Meter führt die Bambusbrücke über die Reisfelder, die jetzt im Dezember bereits abgeerntet sind. Statt grüner Halme ragen gelbe Stoppeln aus der Erde.

Wir folgen der Brücke zu einem kleinen Tempel. Das Bambusgeflecht knarzt bei jedem Schritt unter unseren Füßen. Wir passieren spielende Hunde und eine Herde Wasserbüffel. Am Ende der Brücke hängt ein Foto des verstorbenen Königs Bhumibol, wenige Schritte weiter das Netz einer handtellergroßen Spinne.

 

Mit dem Fahrrad erkunden wir die Gegend um Pai.
Der Landsplit, ein elf Meter tiefer Mini-Canyon, entstand 2008 in Folge eines Erdbebens.
Rund drei Kilometer hinter dem Landsplit liegt der Pam-Bok-Wasserfall.
Die Boon-Ko-Ku-So Brücke führt 800 Meter über die Reisfelder.
Im Dezember sind die Felder bereits abgeerntet.
Die besten Monate für einen Besuch der Bambusbrücke sind Juli bis November, wenn die Reishalme noch grün sind.
Wasserbüffel grasen neben der Brücke.
Man erkennt es auf dem Bild nicht, aber die Spinne war riiiiiiieeesig!
Schwesternzeit = beste Zeit (Foto: Petra Maier)

Bevor wir uns auf den Rückweg machen, essen wir in einem kleinen Restaurant am Rand des Reisfelds einen Papaya-Salat und frittierte Nudeln mit Bambussprossen. Ich genieße es sehr, meine Schwester eine Weile ganz für mich zu haben. Stundenlang unterhalten wir uns über ernste und nicht so ernste Themen, machen viel Quatsch miteinander. Es ist so vertraut und schön wie immer. Obwohl bis zu Petras Rückflug noch zwei Wochen vor uns liegen, bin ich jetzt schon traurig, wenn ich an den bevorstehenden Abschied denke. Wie lange es wohl dauert, bis wir uns wiedersehen werden?

Für den Heimweg brauchen wir deutlich weniger Zeit als für den Hinweg. Die meiste Zeit geht es bergab. Wir erreichen unser Guesthouse, kurz bevor es dunkel wird. Zum Abendessen gehen wir noch einmal in die Stadt. In der Walking Street, die nachts zur Fußgängerzone wird, sind fast jeden Abend Stände aufgebaut, an denen Pfannkuchen, Fruchtsäfte und Dumplings verkauft werden. Außerdem müssen wir dringend zur Apotheke. Petras Handrücken ist nach einem Moskitostich stark angeschwollen. Ihre rechte Hand ist fast doppelt so dick wie die linke.

An unserem Abreisetag bekommen wir doch noch einen Eindruck von Pais kühlem Klima. Als wir aufwachen, regnet es heftig. Eigentlich wollten wir mit den Fahrrädern noch einen zweiten Ausflug unternehmen, zum sieben Kilometer entfernten Canyon radeln. Doch nach einem kurzen Blick nach draußen bleiben wir lieber noch ein bisschen liegen. Wir haben eine Fahrt nach Chiang Mai vor uns, eine Strecke mit angeblich 762 Kurven.

  1. Marina Grüner

    Schön, ich habe die Berichte schon mehrfach gelesen und bin immer wieder begeistert, gerührt und wäre soooooo gerne dabei gewesen. Vor allem die Radtour, mir hätte das sicher spass gemacht Euch beiden davonzuradeln. haha Ich arbeite wieder an meiner Kondition.

    Mama

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