Männer, die auf Schafe starren

„Uhschaballa! So ein Scheißhaufen!“ Alex wuchtet die Mistgabel hoch, schaut das Schaf in der Nachbarbox böse an: „Du hast auch geschissen.“ Ich lehne mich auf das Eisengatter. Mir fehlt die Energie aufrecht zu stehen, so sehr muss ich lachen. Schafställe ausmisten ist anstrengend. Stroh und Dung haben sich nach einigen Wochen zu einer dichten Schicht vermengt. Um die aufzubrechen, braucht man Kraft. Und eine gute Mistgabel.

So beginnt also der dritte Tag unserer Reise um die Welt: Auf einem kleinen Bio-Bauernhof in Österreich etwa eine Stunde nördlich von Linz, umgeben von ungefähr 135 Schafen. Zwei Wochen sind wir hier als Wwoofer, arbeiten täglich ein paar Stunden lang für Kost und Logis.

 

Die Familie Mandl verkauft Erdäpfel, Dinkelprodukte und Schnaps.
Der Innenhof
Gertrud, Bruno, Paul, Rosa, Agnes und Frieda Mandl

Zwei Tage zuvor haben wir uns am Bahnhof in Bad Wildbad von Alex‘ Eltern verabschiedet, sind mit dem Zug vom Schwarzwald nach München gefahren. Dort haben wir eine Nacht bei Alex‘ Studienfreundin Anne und ihrem Freund Bernhard verbracht. In einem urig-bayerischen Restaurant haben wir unsere vorerst letzten Kasspatzen gegessen.

Und dann, am 1. Mai, geht es tatsächlich los. Mit jeweils 13 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken und acht Kilogramm im kleinen Rucksack vorne verabschieden wir uns nach einem ausgiebigen Frühstück von Anne und Bernhard. Und von Deutschland. Über Salzburg und Linz fahren wir nach Haslach an der Mühl, einem 2500-Einwohner-Ort in Oberösterreich.

An den Gleisen warten Bruno, Paul (13), Rosa (11) und Agnes (9) schon auf uns. Wir sind an unseren Rucksäcken unschwer zu erkennen. Außerdem sind wir die Einzigen, die aussteigen. Bevor wir das Gepäck ins Auto legen und zum Hof fahren, müssen wir noch warten, bis der Zug laut pfeifend weiterfährt. Die Kinder haben Münzen auf die Schienen gelegt. Die 2-Cent-Stücke sind nun doppelt so groß wie vorher, aber nur noch halb so dick.

Gegen 17 Uhr kommen wir in Minihof an, einer Ortschaft mit vier Bauernhöfen und einigen Wohnhäusern, umgeben von Kartoffeläckern und Wiesen, auf denen Löwenzahn, Schafgarbe, Butterblumen und Gänseblümchen blühen. Das Erste, was wir vom Hof der Familie Mandl sehen, sind die Schafe. Eine Herde Weiß und Flausch. Der Lämmerstall geht vorn hinaus. Der Hof ist seit mehr als 200 Jahren in Familienbesitz, aber erst Bruno (48) hat die Kühe gegen Schafe eingetauscht. Statt Milch verkauft er Lammfleisch.

 

Fluffi und seine Crew
Schafe, die auf Menschen starren
Mutterschaf mit Lamm

Im Innenhof erwarten uns Brunos Frau Gertrud (39) und seine Mutter Frieda (75). Nach einer herzlichen Begrüßung zeigen uns die Kinder erst unser Zimmer, dann den Rest des Hofs: den Hühnerstall, in dem von Sommer bis Herbst auch zwei Schweine leben, den Schuppen, in dem die Fahrräder abgestellt sind, den  großen Stall mit den Böcken, den kleinen Lämmern und den Mutterschafen. Dann Rosas Gemüsebeet in Gertruds Garten, das Strohlager und die Babykatzen. Rawutzi ist vor drei Tagen wieder Mama geworden, ihre beiden Tigerkätzchen haben die Augen noch geschlossen.

Wir gewöhnen uns schnell an das Leben auf dem Hof. Und an den Muskelkater. Um 7 Uhr beginnt der Tag mit Stallarbeit: Wir füttern die Schafe und säubern die Futterablagen (unser Rekord liegt bei 44 Minuten). Anschließend frühstücken wir mit Bruno. Bis zum Mittagessen erledigen wir das, was gerade ansteht: Wir setzen Erdäpfel (Kartoffeln), beschriften leere Kartons, fegen den Silofutter-Bereich, verteilen neues Stroh in den Ställen, misten aus.

Drei Boxen schaffen wir an diesem Vormittag. Für jede brauchen wir etwa 45 Minuten. Alex bricht die oberste Kackzementschicht auf, ich wuchte die ersten Ladungen zur Schubkarre. Dann tragen wir im Wechsel. Es stinkt nach Schaf, Schafkot, Schafpisse. „Määääh, määääh, määääh“, machen die Schafe. „Määääh, määääh, määääh“, sagt Alex. Ich muss schon wieder lachen.

 

Stallarbeit: Alex verteilt Silofutter.
… entsorgt das Futter vom Vortag …
… und auf den Misthaufen gefahren.

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