Besuch aus Israel

Die Chinesen haben sich verzählt, meint Miri: „Es sind nicht 28 Kurven bis zum Gipfel, es sind 56!“ Keuchend quälen wir uns den Berg hinauf. Alle paar Meter legen wir eine Pause ein. Schweiß, Herzklopfen und Durchatmen. Einfach nur Durchatmen. Sobald der Puls sich beruhigt hat, gehen wir weiter.

Der erste Tag unserer Wanderung durch die Tigersprung-Schlucht hat es in sich. Über Felsblöcke und loses Geröll führt der Weg steil nach oben. Zwischendurch fängt es auch noch an zu regnen. Wir setzen uns unter vornüberhängende Bambushalme, warten, bis der Regen nachlässt. Ob wir vor Anbruch der Dunkelheit in unserem Gästehaus ankommen werden?

Zehn Tage lang begleiten uns unsere Freunde Miriam, 31, und Yuval, 35, durch den Südwesten Chinas. In Kunming, der Hauptstadt der Provinz Yunnan, treffen Alex und ich die beiden. Um uns zu sehen, sind Miri und Yuval extra aus Israel angereist. Die zwei leben in Tel Aviv, ihr China-Urlaub ist zugleich ihre verspätete Hochzeitsreise. Miri und ich kennen uns schon seit der 5. Klasse, sie ist eine meiner engsten Freundinnen.

 

Wiedersehen in China: Yuval und Miri reisen zehn Tage lang mit uns durch die Provinz Yunnan.

Ich kann meinen Augen kaum glauben, als sie abends, nach einer langen Anreise aus Yangshuo, auf mich zurennt.  „Uaaaahhhh!“ Wir kreischen wie kleine Mädchen, schließen uns fest in die Arme, wollen uns gar nicht mehr loslassen. „Wie lange haben wir uns nicht gesehen?“, frage ich. Das letzte Treffen, es ist jedes Mal viel zu lange her. Ich schaue meine kleine Miri an, ihre kurzen, rotblonden Haare, die strahlenden, blauen Augen. Den langen, dünnen Dreadlock-Zopf, der ihr über die Schulter fällt und mit einer gelben Perle abschließt, kenne ich noch nicht. „Gut siehst du aus, wie immer“, sage ich.

Endlich löse ich mich von ihr, umarme auch Yuval, der sich mit Alex über unsere schier endlose Anreise austauscht. Fast zehn Stunden waren wir an diesem Tag unterwegs, mit dem Taxi, dem Bus, noch einem Taxi, dem Zug, der U-Bahn und noch einem Bus. Miri und Yuval sind bereits nachmittags aus Guangzhou angereist, wo sie gelandet sind.

Unsere gemeinsame Woche beginnen wir mit einem Schaschlik-Essen. Wir setzen uns auf die niedrigen, roten Plastikhocker neben einem Straßenstand, bestellen frisch gegrilltes Gemüse und Meeresfrüchte.

In unserem Zimmer erwartet uns eine Überraschung: Auf dem Bett haben Miri und Yuval einen dunkelroten Schal so hingelegt, dass er aussieht wie ein großes Herz. Darauf liegen Briefe, Fotos und Süßigkeiten von unseren Freunden und Familien. Wir sind überwältigt. Was für ein Empfang!

 

An dieser Stelle nochmals: Vielen Dank!

Am nächsten Morgen fahren wir als Erstes zum Bahnhof, um Fahrkarten für die Weiterfahrt nach Dali und die Rückfahrt nach Kunming zu kaufen. Hier werden sich unsere Wege in neun Tagen wieder trennen.

Mit den Tickets in der Tasche erkunden wir die Stadt. Wir spazieren am Fluss Panlong entlang in die Innenstadt, zur Muslim Food Street, zum Vogel- und Blumenmarkt. Lange halten wir es dort allerdings nicht aus. Die Tiere tun uns leid. In winzigen Käfigen und Boxen stehen neben Vögeln auch Fische, Schildkröten, Küken, Hundewelpen, Hamster und Kaninchen zum Verkauf.

Mit der U-Bahn fahren wir bis zur Endhaltestelle Western Hills. Es nieselt, als wir an der Hauptstraße den Berg hinaufgehen. Immer wieder fahren Reisebusse dicht neben uns vorbei. Trotzdem gehen wir weiter. Wir wollen zu einem Aussichtspunkt im Wald, den die Besitzerin unseres Gästehauses uns empfohlen hat. Von ihm aus soll man einen schönen Blick auf den Dian Chi, den achtgrößten See Chinas, haben. Mit einer Fläche von 298 Quadratkilometern ist er größer als die Insel Malta. Doch wir haben kein Glück an diesem Abend. Der Regen wird immer stärker. Im Wald drehen wir um und machen uns auf den Heimweg. Zwischen den Zweigen der Bäume können wir immerhin einen Teil des Sees sehen, bevor es dunkel wird.

 

Straßenverkäufer in der Provinzhauptstadt Kunming
Lotossamen kann man essen. Sie schmecken ähnlich wie Erbsen, haben aber eine leichte Nussnote.
Feuerlöscher gefällig?
Bis zu ihrem Verkauf werden die Tiere auf dem Vogel- und Blumenmarkt in winzigen Kisten gehalten.
Der Dian Chi wird auch Kunming-See genannt. Er ist so stark verschmutzt, dass sich sein Fischbestand halbiert hat.

Mit dem Zug fahren wir am nächsten Morgen nach Dali. Dort besichtigen wir die schöne Altstadt und die „Drei Pagoden des Chongsheng-Tempels“, eines ihrer Wahrzeichen. Entgegen seines Namens besteht das Kloster nicht nur aus den drei Pagoden: Auf seinem weitläufigen Gelände schmiegt sich ein Tempel nach dem anderen an den Berghang. Die Architektur erinnert uns an eine russische Matrjoschka, da man jeden höherliegenden Tempel erst dann zu sehen bekommt, wenn man den vorhergehenden passiert hat.

Am Abend spielen wir zum ersten Mal zusammen Taki. Das Kartenspiel ist so etwas wie die israelische Version von UNO und unser neues Abendritual. Bis kurz vor Mitternacht sitzen wir auf der Dachterrasse unserer Unterkunft, trinken Radler und essen Chips, während Alex und Yuval abwechselnd „Wer ist dran? Ich?“ fragen.

Tags darauf besuchen Miri und Yuval einen Wochenmarkt in einem Dorf in der Nähe, während Alex und ich unsere Weiterreise planen. Wir reservieren unsere erste Bleibe in Vietnam und einen Zug, der uns zur Grenze bringt. Am frühen Abend gehen wir zu viert in die Stadt. In einem buddhistischen Klosterrestaurant essen wir vegetarisch.

Auf dem Weg zurück zum Gästehaus sehen wir eine Frau und einen Mann auf einem kleinen Platz tanzen. „Sollen wir?“, fragt Miri. Wir sollen. Die Tanzlehrerin ist entzückt über die Anwesenheit gleich vier neuer Schüler. Übers ganze Gesicht lachend kommt sie zu uns, um uns ein paar Schritte beizubringen. Nach und nach schließen sich immer mehr Menschen an. Als wir uns nach einer halben Stunde winkend und außer Atem verabschieden, ist der Platz voller Tänzerinnen und Tänzer.

Unsere dritte Station, den malerischen Ort Lijiang, erreichen wir im Bus. Nachdem wir unsere Rucksäcke in der Pension abgestellt und gegessen haben, verbringen wir den Nachmittag im „Jade-Frühlings-Park“ zwischen Seen, Pavillons und Bonsaibäumen. Abends decken wir uns mit Wasser und Lebensmitteln ein für die bevorstehende Wanderung.

 

Schmuserunde im Zug nach Dali: Das letzte Treffen, es ist jedes Mal viel zu lange her.
Ein goldener Phönix begrüßt die Besucher auf dem Weg zu den „Drei Pagoden des Chongsheng-Tempels“ (re. hinten).
Die Tempel des Chongsheng-Klosters liegen etwa 1,5 Kilometer nördlich von Dali.
Die Altstadt Lijiangs könnte problemlos zur Kulisse eines Asia-Themenparks werden.
Lautsprecher-Halterung oder Funkmast? Ein echter Baum ist es jedenfalls nicht.
BFFs.
Der „vegetarische“ Feuertopf wird uns serviert mit Pilzen und Hühnchen. Und anstandslos ersetzt.
Hätten wir vielleicht dieses Gericht bestellen sollen?
Oder dieses?
Der „Den-Mond-umarmenden-Pavillon“ am „Schwarzer-Drache-Teich“ im „Jade-Frühlings-Park“. No kidding.

Um kurz nach 8 Uhr morgens gehen wir tags darauf zum Busbahnhof. Wir haben alle nur einen kleinen Wanderrucksack dabei, die großen Rucksäcke haben wir im Innenhof unserer Unterkunft stehen lassen.

Nach knapp drei Stunden Fahrt und einer hastigen Pinkelpause an einer roten Ampel (es gab weder ein Bus-Klo noch Toilettenstopps) erreichen wir den Eingang der Tigersprung-Schlucht. Von nun an geht es zu Fuß weiter.

Wir folgen einige Kilometer lang einer breiten Straße, auf der Dutzende Lkws zu einer Baustelle fahren. Die großen Wägen wirbeln Staub auf, sie lassen uns husten, wenn sie vorbeifahren. Trotz der heftigen Steigung sind wir froh, als wir den Wanderpfad erreichen und die Straße hinter uns lassen können.

Wir wandern an glockenbehangenen Eseln, Ziegen und Kühen vorbei, durch Bambuswälder und Felshänge hinauf. Tief unter uns fließt der mächtige Jangtse matschbraun durchs Tal. Andere Wanderer treffen wir nicht an diesem Nachmittag. Die, die mit uns im Bus saßen, haben uns längst überholt. Nur eine Begegnung haben wir: Als wir im Wald um eine Kurve biegen, stehen plötzlich fünf Kühe vor uns. Zwei Mutterkühe mit ihren Kälbern – und ein Stier. Der hat offenbar keine Lust, uns aus dem Weg zu gehen. Was nun? Umdrehen ist keine Option, uns an den Tieren vorbeizudrängen auch nicht. Zu oft habe ich schon gelesen, dass Wanderer in den Alpen von Kühen angegriffen oder sogar getötet wurden.

Uns bleibt nur der Weg nach oben. Über Wurzeln, Moos und loses Geäst klettern wir den Hügel links neben der kleinen Kuhherde hinauf. Die Tiere bewegen sich keinen Zentimeter, während wir immer höher steigen, uns Baum für Baum unseren eigenen Pfad suchen. Mit einem großen Sicherheitsabstand lassen wir die Kühe hinter uns. Ich bin erleichtert.

 

Vesperpause nach dem ersten Aufstieg. Noch ist uns zum Lachen zumute.
Die Tigersprung-Schlucht ist etwa 15 Kilometer lang. In ihrem Tal fließt der Jangtse.
Mit rund 3900 Metern Höhenunterschied ist die Tigersprung-Schlucht die tiefste Schlucht der Welt.
Der Legende nach soll einst ein Tiger (nicht im Bild) über den Fluss gesprungen sein, um Jägern zu entkommen.
Grüne Liebe du ich er, Waldbrand auf alle.

Kurz darauf beginnt der Abstieg. Mindestens eine halbe Stunde Weg, zeigt unsere Offline-Karte an, liegt noch immer vor uns. Allmählich wird es dunkel. Miri und Yuval packen ihre Stirnlampen aus, die flackernden Lichtkegel helfen beim Klettern über die Felsbrocken. Die Wanderung nach unten ist fast genauso anstrengend wie die bergauf. Unsere Knie zittern, die Oberschenkel fühlen sich an wie Pudding. Wir haben fertig.

Gegen halb acht erreichen wir unsere Unterkunft. Sie liegt wunderschön am Rand der Schlucht, doch das sehen wir erst am nächsten Morgen. Während Yuval und ich kurz und eiskalt duschen, bestellen Miri und Alex schon einmal das Abendessen. Keine Worte der Welt können meine Dankbarkeit dafür ausdrücken. Wir essen Reis-Curry, Kartoffelraspeln mit viel Pfeffer und Pizza mit Unmengen Käse. Alles schmeckt hervorragend. Ob es an der Qualität des Essens liegt oder am Hunger, werden wir nie herausfinden.

Mit einem Pfannkuchen-Frühstück beginnen wir den zweiten Tag der Wanderung. Die Strecke ist viel einfacher als am Vortag. Die meiste Zeit folgen wir einem ebenen Weg, der sich direkt neben dem Abhang am Berg entlangwindet.  Gegen halb vier kommen wir bereits an Tina’s Guesthouse an, wo wir die Rückfahrkarten für den Bus am nächsten Tag kaufen. Zwei Kilometer weiter erreichen wir unsere Unterkunft. Wir duschen, essen, spielen Taki. Dieses Ritual darf auch auf dem Berg nicht fehlen.

 

Erst am Morgen sehen wir, dass unsere Unterkunft wunderschön am Rand der Schlucht liegt.
An Tag zwei ist die Strecke sehr viel einfacher. Der Weg führt relativ eben am Berg entlang.
Ein Wasserfall fließt über den Wanderweg. Insgesamt ist der Weg ungefähr 22 Kilometer lang.
Endspurt: Nur noch zwei Kilometer sind es bis zu unserer Unterkunft.
Miri meets Miau.
Mehr als eine Stunde müssen wir auf dieses Essen warten. Selbstverständlich bestellen wir sofort Nachschlag.

Um 15.30 Uhr geht es tags darauf zurück nach Lijiang. Dort verbringen wir noch eine Nacht, bevor wir mit dem Nachtzug weiter nach Kunming fahren. Je drei Betten sind auf den Seiten des kleinen Abteils übereinander gestapelt. Ich schlafe rechts oben. Und bekomme Panik, als ich mitten in der Nacht aufwache und mich nicht aufsetzen kann. In der Dunkelheit, im Halbschlaf, fühle ich mich wie in einem viel zu kleinen Käfig. Mit pochendem Herzen und nassen Händen versuche ich, auf der ratternden Pritsche weiterzuschlafen, während der Zug ruckelt und der Mann unter mir laut schnarcht. Vergebens.

Zeitgleich mit einem Niesen von Miri geht um 5.15 Uhr das Licht an, erklingt Musik aus dem Radio in der Decke. Dass wir in unserem Abteil keine individuellen Schalter für die Regelung der Helligkeit oder der Musiklautstärke haben, überrascht mich nach knapp sechs Wochen in China nicht mehr. Hier bestimmt der Staat, was für die Bürger gut ist.

Um kurz vor halb sieben hält unser Zug in Kunming. Die meisten Läden und Cafés sind um diese Uhrzeit noch geschlossen. Immerhin ein McDonald’s ist geöffnet. Es riecht nach altem Frittieröl und nach Putzmittel, aber das stört uns an diesem Morgen nicht. Wir setzen uns in das warme Restaurant, trinken Kaffee und spielen eine Abschiedsrunde Taki. „Wer ist dran? Ich?“, fragen Yuval und Alex abwechselnd.

Eine Stunde später verabschieden wir uns in der U-Bahn. Miris Augen glänzen, ich habe einen Kloß im Hals. Wann wir uns wohl wiedersehen werden? Wir umarmen uns ein letztes Mal, bevor Alex und ich aussteigen. Als wir mit der Rolltreppe nach oben fahren, fühlt es sich an, als fehlten zwei Personen.

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