Road Trippin‘

Surrend fliegen die Motten um unsere Tischlampe. „Bestimmt sind auch schon welche in unserer Tomatensauce gelandet“, sage ich zu Alex. Es ist so dunkel, dass wir außerhalb des schwachen Lampenscheins kaum etwas erkennen können. Ich leuchte mit dem Handy auf meine Nudeln und mir vergeht der Appetit: Am Tellerrand liegt tatsächlich ein kleines, kakerlakenähnliches Insekt. Auch Alex isst nicht weiter.

Wegen der vielen Buschfliegen, die tagsüber zu Dutzenden im Gesicht und auf den Armen landen, haben wir erst nach Sonnenuntergang angefangen zu kochen. Anfängerfehler: Seit der Dämmerung lassen uns zwar die Buschfliegen in Ruhe, dafür sind Motten und Stechmücken aktiv. Es ist unsere erste Nacht auf einem kostenlosen Stellplatz nahe des Highways im Hinterland Westaustraliens und wir sind mit den ungeschriebenen Regeln des Buschcampings noch etwas überfordert.

„Wieso erzählt einem niemand etwas von diesen Buschfliegen?“, frage ich Alex später im Auto. „Ich wusste gar nicht, dass es die gibt!“ „Ich auch nicht“, sagt Alex. Wir stellen die Theorie auf, dass die australische Regierung viel Geld investiert, um die Existenz der lästigen Fliegen zu verheimlichen, weil sie der Tourismusindustrie das Geschäft vermiesen könnten.

 

Buschfliegen: das wohl am besten gehütete Geheimnis Australiens.
Auf diesem Stellplatz nahe des Highways campen wir zum ersten Mal wild.

Vier Tage zuvor sind wir aus Perth aufgebrochen. In unserem Auto Diggity wollen wir den roten Kontinent insgesamt drei Monate lang erkunden. Mit vollem Tank und vollem Kofferraum lassen wir die zwei-Millionen-Metropole hinter uns. An der Küste entlang fahren wir in Richtung Norden.

Unsere erste Station auf dem Weg nach Geraldton, wo wir die Nacht verbringen werden, ist der Yanchep-Nationalpark. Er ist nur eine Stunde von Perth entfernt und hat eine Koala-Kolonie. Unsere ersten Koalas! Wir können es kaum erwarten. Wir stellen Diggity auf dem Parkplatz vor dem Parkeingang ab und erkunden uns am Infoschalter, was es zu sehen gibt. Eine Gruppe Kängurus soll vor Kurzem am See gesichtet worden sein, berichtet eine der zwei Damen, die dort arbeiten.

Wir gehen trotzdem als Erstes zu den Koalas. Sie leben im Yanchep-Nationalpark in einem Gehege. Unsere erste Begegnung mit dem australischen Symboltier ist also ein bisschen weniger besonders als erhofft, aber nicht weniger faszinierend. „Schau mal, da!“, sagt Alex und zeigt auf einen Eukalyptusbaum. Zwischen zwei Ästen klemmt ein Fellbündel. „Wow“, ich staune. „Koalas sind viel größer, als ich gedacht habe!“ Wir entdecken noch zwei weitere Tiere in den Bäumen. Zwischen den grünen Blättern ist ihr graues Fell überraschenderweise nur schwer zu erkennen.

Obwohl wir einmal um den See spazieren, treffen wir nicht auf die am Infoschalter angekündigten Kängurus. Ein bisschen enttäuscht fahren wir weiter. Als wir den Nationalpark schon fast verlassen haben, sehe ich doch noch ein Känguru aus dem Augenwinkel. Sofort parke ich Diggity auf dem Gras neben der Schotterstraße.

Mindestens 15 Tiere grasen auf der Lichtung. Langsam nähern wir uns. Die Kängurus beobachten uns aufmerksam. Eins stellt sich auf die Hinterbeine. Es weiß nicht, was es von uns halten soll. Wir sind ihm eindeutig zu nahe. Es dreht sich um und hüpft davon. Der Rest der Gruppe folgt ihm. Wir lassen die Kängurus in Ruhe, steigen ins Auto. Nach Geraldton sind es noch fast 400 Kilometer.

 

Im Yanchep-Nationalpark sehen wir unsere ersten Koalas …
… und die ersten Kängurus.

Unser zweites Ziel auf der Strecke ist die Pinnacles-Wüste im Nambung-Nationalpark, eineinhalb Stunden nördlich. Wie die Felsen eines Dalí-Bilds ragen die spitzen Kalksteinsäulen, die Pinnacles, aus der sandigen Erde. Sie sollen bereits vor 500.000 bis 50.000 Jahren entstanden sein – wie genau, darüber streiten sich die Wissenschaftler. Es kursieren verschiedene Theorien.

Wir fahren den vier Kilometer langen Rundweg an den Felsnadeln vorbei. Immer wieder halten wir an und steigen aus, um die Steine und den Ausblick auf die Dünen zu fotografieren. Bis Diggity nicht mehr anspringt. „Mache ich etwas falsch?“, frage ich Alex, obwohl alles ist wie sonst: Die Automatik-Schaltung steht auf „P“, die Handbremse ist gelöst. Ich drehe den Schlüssel in der Zündung, doch das Auto will nicht weiter.

In meinem Kopf ploppen hundert Fragen auf: Was, wenn die Batterie kaputt ist? Was, wenn der Autohändler in Perth uns eine schrottreife Karre angedreht hat? Wenn Diggity im Outback nicht mehr anspringt? Was, wenn er jetzt schon nicht mehr angeht – wenn wir hier, in der Pinnacles-Wüste, gestrandet sind? Neben einer Versicherung haben wir zwar auch eine Mitgliedschaft bei einem Pannendienst abgeschlossen, aber bis der den Nationalpark erreicht, könnte es spät werden.

Ich stecke den Schlüssel zum gefühlt fünfzehnten Mal ins Zündschloss. Als ich ihn umdrehe, springt der Motor heulend an. Alex und ich schauen uns ungläubig an. „Was hast du dieses Mal anders gemacht?“, fragt er. „Gar nichts, glaube ich.“ Ich fahre weiter. Obwohl ich Angst habe, dass der Motor ausbleibt, halten wir noch ein, zwei Mal an. Öfter trauen wir uns nicht.

Wir haben Glück, Diggity fährt weiter. Trotzdem beschließen wir, der Sache in Geraldton auf den Grund zu gehen. Je weiter wir in den Norden vordringen, desto geringer ist unsere Chance auf einen Mechaniker oder eine Werkstatt in der Nähe.

 

Die Pinnacles-Wüste liegt etwa 200 Kilometer nordwestlich von Perth.
Die bis zu vier Meter hohen Kalksteinsäulen ragen wie die Felsen eines Dalí-Bilds aus der sandigen Erde.

Zurück auf dem Highway steht die Sonne schon sehr tief. Vom Beifahrersitz aus kann Alex dabei zusehen, wie sie als roter Ball links von uns im Meer versinkt. Ich schaue auf die Straße. Dass es von nun an immer dunkler wird, macht mich nervös. Wir wurden schon gewarnt, dass Kängurus vor allem nachts aktiv sind, dass dann die meisten Unfälle passieren. Einige Australier verstärken die Stoßstangen ihrer Autos sogar, damit sie bei einem Zusammenprall nicht beschädigt werden.

An diesem Abend begegnen wir keinen weiteren Kängurus. Dafür rennen zwei Emus plötzlich über die Fahrbahn. Ich kann gerade noch rechtzeitig abbremsen. Mein Adrenalinspiegel steigt abrupt an. „Alter!“, stoße ich hervor. „Nachts fahren wir definitiv nicht mehr Auto!“

Es ist schon dunkel, als wir unsere Unterkunft erreichen. Wir parken Diggity auf dem Rasen vor dem Haus. Als ich ihn ein Stück weiter nach vorn fahren möchte, bleibt der Motor wieder aus. Ich seufze. Was für ein erster Roadtrip-Tag! Eine emotionale Achterbahn aus Kängurus und Koalas, Auto-Problemen, atemberaubenden Landschaften, selbstmordgefährdeten Emus, noch mehr Auto-Problemen.

Joel öffnet uns die Tür. Er teilt sich die Wohnung mit seiner Freundin Esther und einem zweiten Mitbewohner, den wir aber nur einmal zu Gesicht bekommen. Außerdem ist da noch Marco, der Filmemacher, der für ein Arbeitsprojekt in Geraldton ist und vorübergehend auf der Couch schläft.

Wir bleiben drei Nächte in der Wohngemeinschaft. Wir fahren mit Diggity in die Werkstatt, lassen einen Ersatzschlüssel anfertigen und schauen uns Geraldton an. Viel mehr als eine hübsche Kirche, einen Strand und einen Leuchtturm gibt es in der 37.000-Einwohner-Stadt nicht zu sehen. Während Alex noch einmal zum Strand geht, bleibe ich am zweiten Tag zuhause und erledige meine Steuererklärung. Mehr als sieben Stunden lang.

Mit unseren Mitbewohnern verstehen wir uns sehr gut. Wir tauschen uns über unsere Zukunftspläne aus, spielen Karten, schauen Serien miteinander. Als wir uns am Morgen des dritten Tags von Joel, Esther und Marco verabschieden, lassen wir drei Freunde in Geraldton zurück.

 

Die St.-Francis-Xavier-Kathedrale ist Geraldtons bekannteste Sehenswürdigkeit.
Die Einheimischen nennen Geraldton auch „Sun City“. Das Foto zeigt den Stadtstrand der 37.000-Einwohner-Stadt.
Der 34 Meter hohe Point-Moore-Leuchtturm wurde 1878 errichtet. Er wird bis heute genutzt.
Drei Nächte bleiben wir in der WG von Joel (li.) und Esther (2. von li.).

Auf dem Weg zum Kalbarri-Nationalpark halten wir an der Hutt Lagoon, einem rosafarbenen Salzsee, und wandern zum Mushroom Rock, der allerdings nur entfernt an einen Pilz erinnert. Auf einem Campingplatz am Ortsrand von Kalbarri übernachten wir zum ersten Mal in unserem Auto. In dieser Hinsicht war Diggity kein schlechter Kauf: Wir haben genügend Platz, um die Beine auszustrecken, und liegen bequem auf den umgeklappten Rücksitzen.

Diggity bereitet uns noch öfter Sorgen, aber wir finden bald heraus, dass das nicht an der Zündung, sondern an der Batterie liegt. Wenn wir beide Smartphones gleichzeitig am Auto-Adapter laden, geht Diggity der Saft aus. Wir versuchen, die Handys nur noch selten anzuschließen, haben oft aber oft keine andere Wahl, da wir die Telefone zum Navigieren brauchen.

Im Kalbarri-Nationalpark belästigen uns so viele Buschfliegen, dass Alex sich das T-Shirt über den Kopf zieht, ich mein Gesicht mit einem der beiden Fliegennetze für unsere Autofenster umwickele. Die anderen Besucher sind ähnlich kreativ: Manche wedeln mit einem Ast vor ihrem Gesicht herum, um die Fliegen fernzuhalten, andere tragen spezielle Hüte mit angenähtem Fliegennetz. In der Kleinstadt Carnarvon kaufen auch wir uns in einem Schreibwarengeschäft Gesichtsnetze, die uns vor den Buschfliegen schützen sollen. Sie sind bei Weitem unsere beste Investition in Australien.

 

Die Alge Dunaliella salina färbt den Salzsee Hutt Lagoon pink.
Die Wanderung zum Mushroom Rock bei Kalbarri führt an der Küste entlang.
Der Kalbarri-Nationalpark schützt 1830 Quadratkilometer Land – eine Fläche fast doppelt so groß wie die Insel Rügen.
Die Hauptattraktion des Nationalparks ist der Murchison River, der sich 80 Kilometer durch den Nationalpark schlängelt.
Not macht erfinderisch: Mit einem T-Shirt und einem Insektennetz schützen wir uns vor den Buschfliegen.
Upgrade: In Carnarvon kaufen wir uns spezielle Gesichtsnetze. Unsere bei Weitem beste Investition in Australien.

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