Lohnt sich das?

Beim Abendessen lernen wir Marvin kennen. Er übernachtet wie wir in seinem Auto auf dem Campingplatz am Lake Argyle. Während wir Chili sin Carne kochen, eine unserer Standard-Camping-Speisen, gibt es bei Marvin Pasta. „Den dritten Tag in Folge“, sagt er und schüttet seine Nudeln aus der Tupperdose in einen Topf auf dem Gasherd.

Am Tisch neben der offenen Küche unterhalten wir uns und essen. Es ist dunkel, die Grillen zirpen in den Büschen. Marvin – groß, blond, Brille – ist nach Australien gekommen, um sein Englisch zu verbessern. Mit seinem Work-and-Travel-Visum reist der 24-jährige Betriebswirt von einem Bauernhof zur nächsten. Er erzählt von seiner Arbeit auf einer Milchfarm, wo er früh aufstehen und Kühe an eine Melkmaschine anschließen musste. Kein Job, den er gerne nochmals machen möchte.

Dann die Überraschung: Als Alex und ich von unserer schlaflosen Nacht im Karijine-Nationalpark berichten, stellt sich heraus, dass es Marvin war, der unseren Stellplatz auf dem Campingplatz belegt hat. „Du warst mit den Bongo-Leuten unterwegs?“, frage ich entgeistert. „Ja“, bestätigt er. Sechs Tage habe er es mit seinen Mitfahrern ausgehalten. „Sie haben auch im Auto Bongo gespielt. Und gekifft.“ Seit Kurzem ist Marvin wieder alleine unterwegs. Meinungsverschiedenheiten.

Ich fange an, Äpfel zu schälen, Apfelmus mit Zimt zu kochen. Am folgenden Tag wollen wir die Grenze zum Northern Territory überqueren, dorthin dürfen wir kein Obst und Gemüse einführen. Zumindest denken wir das. Eigentlich ist es nur andersherum der Fall, aber das erfahren wir erst, als wir alle frischen Lebensmittel aufgebraucht haben.

Nachts heulen die Dingos. Im Halbschlaf frage ich Alex, ob er geträumt und „Flooooo!“ gerufen hat. Der Ruf wird zu unserem Running Gag. Gegen Viertel nach sechs weckt uns die Sonne. Sie scheint direkt auf den Kofferraum, im Auto wird es sehr schnell heißer.

Bevor wir den Campingplatz verlassen, frühstücken und duschen wir. Wir folgen Marvins Rat und fahren zu einem Wassertank in der Nähe, der einen schönen Blick auf den Lake Argyle bietet. Auch den 335 Meter langen Staudamm ein Stück weiter unten schauen wir uns an. Im Wasser hinter dem Damm sehen wir ein Süßwasserkrokodil schwimmen. Eins von angeblich rund 30.000, die im Lake Argyle leben.

Gemessen an der Wasseroberfläche ist er der größte Stausee Australiens. Normalerweise nimmt er 740 bis 1000 Quadratkilometer ein – eine Fläche, fast doppelt so groß wie der Bodensee. An Australiens Superlative haben wir uns auch nach sechs Wochen im Land noch nicht gewöhnt. Genauso wenig wie an die Distanzen. Das Reisen im Auto macht uns die immensen Strecken bewusst, die wir zurücklegen. Von Perth in die Region Kimberley, in welcher der Lake Argyle liegt, sind es an der Küste entlang rund 3340 Kilometer: ungefähr so weit wie von Stuttgart ins syrische Aleppo.

 

Der Lake Argyle entstand 1971/72 durch den Bau des Ord-River-Staudamms (re. Mitte).
Ungefähr 30.000 Süßwasserkrokodile teilen sich den See mit Schildkröten, Wasservögeln und 26 Fischarten.

Zum Glück mögen wir beide die langen Fahrten durch das buschbestandene Outback, in dem auf den ersten Blick nur wenig Leben zu sein scheint. Erst abends, auf den Rast- und Campingplätzen, bekommen wir mit, wie viele Vögel, Insekten und Kleintiere sich im Gebüsch verstecken. Nur Kängurus sehen wir selten. Die Temperaturen sind den nachtaktiven Tieren tagsüber zu hoch. Wir sind ein bisschen enttäuscht, da wir erwartet hatten, Australiens Symboltier außerhalb der Städte ständig zu begegnen.

Noch vor Mittag erreichen wir das Northern Territory, Australiens nördlichsten Bundesstaat. Wir wandern durch den Keep-River-Nationalpark hinter der Grenze. Der Weg, den ich ausgesucht habe, führt an einem ausgetrockneten Bachbett entlang zu einem Felsüberhang. Alex‘ Frage „Lohnt sich das?“ auf der 20 Kilometer langen Schotterstraße, die wir fahren mussten, um zum Ausgangspunkt der Wanderung zu kommen, kann ich dann auch abschließend mit „Nein“ beantworten.

Es sind über 30 Grad und der Weg bietet weder schöne Ausblicke noch viel Schatten. Eine gute Lektion für mich. Im Gegensatz zu Alex fällt es mir schwer, Sehenswürdigkeiten auszulassen. Ich würde mir am liebsten alles auf der Strecke ansehen, habe Angst, etwas Schönes zu verpassen. Erst allmählich lerne ich, weniger daran zu denken, was wir nicht anschauen können, weil wir keinen Jeep oder zu wenig Zeit haben. Sondern mich mehr an dem zu freuen, was wir tatsächlich sehen und erleben.

 

Beim Autofahren begreifen wir die Distanzen. Die Region Kimberley ist so groß wie Deutschland und Österreich zusammen.
Der Keep-River-Nationalpark liegt an der Grenze zwischen Westaustralien und dem Northern Territory.
„Lohnt sich das?“
Sonnenuntergang an unserem ersten Rastplatz im Norden Australiens.

Es ist schon halb sechs, als wir unseren Rastplatz für die Nacht erreichen. Das Northern Territory ist Westaustralien zeitlich voraus. Bei der Grenzüberquerung haben wir eineinhalb Stunden übersprungen. Umstellen müssen wir uns auch beim Tempolimit. Statt 110 Stundenkilometer wie im Rest des Landes sind in Nordaustralien stolze 130 km/h erlaubt. Trotz relativ hoher Geldbußen halten sich die Australier eher selten an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Die wenigen, die mit uns auf den Straßen des Outbacks unterwegs sind, überholen uns normalerweise.

Im Schatten eines Wassertanks koche ich Nudeln mit Pesto, während Alex sich vom Fahren ausruht. Beim Essen schenkt uns ein Campingnachbar ein Büschel Bananen. Er und seine Frau wollen tags darauf nach Westaustralien weiterfahren. Dorthin dürfen sie das Obst nicht mitnehmen.

Für uns geht es am nächsten Morgen weiter nach Katherine, mit rund 10.000 Einwohnern die fünftgrößte Stadt des Northern Territorys. Wir übernachten auf einem Campingplatz in der Nähe einiger heißen Quellen im Süden der Stadt. Am frühen Abend folgen wir dem Weg hinter dem Campingplatz zu den türkisfarbenen Schwimmbecken. Sie liegen in einem Wäldchen aus Palmen und anderen Bäumen. Auf den Ästen sitzen weiße Kakadus und gackern. Das Mini-Spa im Mini-Paradies kostet nicht einmal Eintritt.

Vorsichtig steige ich in eins der Becken. Das Wasser könnte ja doch kalt sein. Ist es aber nicht. Herrlich warm umströmt es meinen Körper. „Hach! Hier könnte ich es länger aushalten“, denke ich und tauche bis zur Nasenspitze unter. Alex versucht, gegen die Strömung zu einem kleinen Wasserfall zu schwimmen, aus dem das Wasser der oberen Becken ins untere hineinfließt. Ein paar Kinder rutschen lachend und kreischend über die glatten Steine.

 

Unser Campingplatz in Katherine …
… liegt nur 350 Meter entfernt von den heißen Quellen.
Das Wasser der Hot Springs ist angenehm warm.

Später, beim Kochen, tauschen wir uns mit den anderen Campinggästen aus. Wie auf den WG-Partys früher ist auch beim Zelten die Küche der Ort, an dem alle zusammenkommen, sich kennenlernen. Auf dem Campingplatz in Katherine sind die meisten älter als wir: Australier, die im Wohnmobil das eigene Land bereisen. Alle wollen wissen, in welche Richtung wir fahren, wie lange wir unterwegs sind, woher wir kommen, wie Australien uns gefällt.

Es gefällt uns sehr gut. Sogar Alex, der nicht leicht zu begeistern ist, ist fasziniert von der Weite des Outbacks, der roten Erde, den Koalas und Kängurus. „Lohnt sich das?“ Und wie.

 

„Keine Haustiere erlaubt.“ Rechts oben: ein Oppossum
  1. Ach, Alex. Es lohnt sich! Es ist so schön, Episoden eurer Reise durch den Blog etwas miterleben zu können.
    <3 Petra

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