Australia

Unsere erste Nacht in Australien verbringen wir im Hostel. Wir folgen Doug, der mit uns auf dem Containerschiff von Malaysia nach Fremantle übergesetzt ist, in die Unterkunft, die er gebucht hat. In seinem Zimmer ist zwar kein Bett mehr frei, aber wir können in ein Vierbettzimmer einziehen, das wir mit einem jungen Mann und einer jungen Frau teilen.

Wir stellen unsere Rucksäcke ab. Den Rest des Tages sind wir im Internet, an einem Tisch draußen, vor dem Hostel. Nach einer Woche offline können wir es kaum erwarten zu erfahren, was in der Zwischenzeit in der Welt und in unserem Freundeskreis passiert ist.

Abends begleiten wir Doug in ein italienisches Restaurant. Alex und ich teilen uns eine Lasagne und einen Antipasti-Teller und müssen schlucken, als die Rechnung kommt. Nach sechs Monaten in Südostasien wird es bestimmt eine Weile dauern, bis wir uns an die australischen Preise gewöhnen.

Durch die beleuchteten Straßen spazieren wir zurück zum Hostel. Die Nacht ist lau, die Atmosphäre ganz anders als in Kuala Lumpur, wo wir zuletzt waren. Unsere Umgebung erscheint uns extrem ordentlich und sauber. Obwohl wir uns im Zentrum Fremantles befinden, ist es leise. Mit ihren von Säulen getragenen mehrstöckigen Häusern und den darunter schwingenden Werbetafeln erinnert uns die Hafenstadt an eine Western-Film-Kulisse.

 

Die Hafenstadt Fremantle wird von den Australiern „Freo“ genannt.
Uns erinnert Fremantle an eine Western-Film-Kulisse.

Nachts können wir beide nicht schlafen. Bis um 2 Uhr früh rasen die Rennfahrer von „The Fast & The Furious“ über die deckenhohe Leinwand im Aufenthaltsraum. Die Türen und Wände sind wie Pappe, sie halten keinen Lärm ab. Alex‘ Bettnachbar hat sein Handy auf voller Lautstärke. Zweimal wird er angerufen. Außerdem dreht er die Klimaanlage immer wieder auf 17 Grad, obwohl das Fenster neben ihm weit offen steht. Meine Bettnachbarin wälzt sich im Schlaf, das Stockbett wackelt bei jeder Bewegung. Und auch die Erde schwankt noch nach sieben Tagen auf dem Meer.

Wir sind froh, als wir am Morgen unsere Sachen packen können. Bevor wir das Hostel verlassen, frühstücken wir mit Doug im Aufenthaltsraum labbrigen Weißtoast mit Nutella, Marmelade und – zum erstletzten Mal – Vegemite. Den legendären Hefe-Aufstrich der Aussies kann man wohl nur mögen, wenn man mit ihm aufgewachsen ist. Er ist dunkelbraun, zäh und unglaublich salzig. Obwohl Vegemite als australisches Kulturgut gilt, nannte Barack Obama ihn einmal wenig diplomatisch „schrecklich“. Alex begnügt sich mit einem halben Bissen, Doug lehnt lachend ab, als ich ihm eine Ecke meines Toasts anbiete. Ich schaffe nicht einmal ein Viertel.

Wir helfen Doug, sein Gepäck zum Fährterminal zu tragen. Er wird die kommenden Tage auf der Insel Rottnest am Strand zelten, bis seine Frau Donnel in Perth landet. Mit dem Zug und dem Mietwagen wollen die beiden zusammen nach Sydney reisen.

Alex und ich fahren mit der Regionalbahn nach Perth. Am Fenster ziehen die schneeweißen Strände Fremantles vorbei, während wir uns der größten Stadt Westaustraliens nähern. Mehr als zwei Millionen Menschen leben im Großraum Perth, davon rund 33.000 in „Freo“. Die Hafenstadt ist mit der Metropole verwachsen. Die Zugfahrt in den Vorort Bayswater dauert keine halbe Stunde.

 

Mehr als zwei Millionen Menschen leben in Perth. Die Stadt ist mit Abstand die größte in Westaustralien.
Man hätte noch ein paar Straßenlaternen aufstellen können.

Dort holt uns Taeko mit dem Auto ab. In ihrem Haus werden wir die kommenden zwei Wochen bleiben. Taeko stammt aus Japan, lebt aber seit mehr als zehn Jahren in Australien. Sie ist eine zierliche Frau mit schwarzen, schulterlangen Haaren über 50, die aber eher wie Anfang 40 aussieht. Sie hat ein Start-up für japanischen Superdünger, einen Gemüsegarten, zwei Hühner und einen Freund, der praktischerweise im Haus nebenan wohnt. In der Regel übernachtet sie bei ihm.

Wie die meisten australischen Wohnhäuser ist Taekos Haus einstöckig – für deutsche Verhältnisse also eher eine Wohnung. Die sieht allerdings aus, als hätte Marie Kondo sie persönlich eingerichtet. In jeder Schublade herrscht Ordnung, kein Staubkorn fliegt aus der Reihe.

Wir genießen die ungewohnte Privatsphäre, nutzen die Ruhe, um zu arbeiten und den Alltag zu leben, den wir lange nicht mehr hatten. Wir kochen jeden Abend, schauen Fime und Serien, gehen joggen im Park um die Ecke. Unser Viertel ist ein Wohnviertel, die einzige Attraktion ein Hallenbad mit Außenbecken. Und die pinken Papageien, die auf den Stromleitungen sitzen.

 

Taekos Haus: In jeder Schublade herrscht Ordnung, kein Staubkorn fliegt aus der Reihe.
Die einzige Attraktion unseres Viertels: Papageien, die auf Stromleitungen sitzen.

Mit dem Bus fahren wir in die Innenstadt. Obwohl das Zentrum gerade einmal zehn Kilometer entfernt ist, sind wir über eine Stunde unterwegs. Am frühen Nachmittag besuchen wir den Kings Park. Der mehr als 400 Hektar große Stadtpark oberhalb der Stadt besteht vor allem aus australischem Busch und wird von vielen Bewohnern als die „Seele Perths“ bezeichnet.

Von einer Aussichtsplattform blicken wir auf den Swan River, der sich unter uns wie ein See ausweitet. Links neben ihm ragen die Hochhäuser der Innenstadt in die Höhe. Fortuescue, BHP Billiton und Riotinto stehen auf den Fassaden – die Namen der Bergbaukonzerne, die bis heute für Wachstum sorgen. Im späten 19. Jahrhundert wurde Perth mit dem westaustralischen Goldrausch groß. Zwischen 1881 und 1901 stieg die Einwohnerzahl von 8.500 auf 61.000.

 

Von den Bewohnern Perths wird der Kings Park als die „Seele der Stadt“ bezeichnet.
Mit mehr als 400 Hektar Fläche gehört der Stadtpark zu den größten weltweit.
Viele Vögel sind im Kings Park zuhause. Der Kookaburra wird auf Deutsch „Lachender Hans“ genannt.

Auf Facebook und der Plattform Gumtree suchen wir nach einem Auto für unser Australien-Abenteuer. Züge und Busse sind Down Under unverhältnismäßig teuer. Eine Busfahrt von Perth nach Broome, einer 2200 Kilometer entfernten Küstenstadt im Norden Westaustraliens, kostet rund 235 Euro pro Person und dauert mehr als 34 Stunden. Eine Zugverbindung gibt es nicht. Für weite Distanzen ist das Flugzeug in Australien leider so gut wie immer das günstigste Verkehrsmittel.

Abgesehen davon, dass wir nicht fliegen möchten, hat ein eigenes Auto den Vorteil, dass wir darin übernachten und anhalten können, wo wir wollen. Fünfeinhalb Monate werden wir den roten Kontinent erkunden. Wir wollen in den Norden fahren, das Zentrum durchqueren und vom Süden in den Osten reisen. Von Brisbane soll es mit dem Containerschiff weiter nach Neuseeland gehen.

An einem wolkenlosen Nachmittag fahren wir mit dem Bus zu drei verschiedenen Autohändlern. Alex hat es sich in den Kopf gesetzt, einen Holden Commodore zu kaufen – angeblich hat er Sitze, die sich zu einer komplett ebenen Liegefläche umklappen lassen. Wir haben Glück, dass die Fahrzeuge, obwohl sie seit 2017 nicht mehr hergestellt werden, noch immer so verbreitet sind.

Vielleicht auch deshalb, weil wir uns mit Autos nicht gut auskennen, werden wir schon nach zwei Probefahrten fündig. Wir kaufen einen dunkelblauen Holden Commodore Jahrgang 2006 mit automatischer Gangschaltung und 186.055 Kilometern auf dem Tacho für 3490 australische Dollar, rund 2150 Euro. Die Leuchte im Kofferraum klemmt, die Klimaanlage surrt, ansonsten funktioniert alles. Mein Herz klopft, als Alex den Kaufvertrag unterschreibt. Wir besitzen ein Auto!

 

Diggity, unser neuer Weggefährte

Euphorisch rollen wir in unserem neuen Gefährten vom Gelände des Autohändlers. Wir wollen die neugewonnene Freiheit gleich ausnutzen, zum Strand fahren und den Sonnenuntergang anschauen. Der Linksverkehr ist ungewohnt, besonders die Kreisverkehre sind verwirrend. Wir nennen unser Auto Diggity, nach der Hündin aus dem Film Tracks (2013). Er erzählt die Geschichte von Robyn Davidson, die 1977 mit vier Kamelen und ihrer Hündin Diggity zu Fuß die australische Wüste durchquerte.

„Meinst du, es ist ein schlechtes Zeichen, dass der Hund im Film gestorben ist?“, frage ich Alex. „Oh, stimmt“, sagt er und lacht. Er überlegt kurz. „Wir lassen den Hund einfach in unserem Auto weiterleben“, schlägt er vor. „So kann er noch einmal durch Australien reisen.“ Abgemacht.

 

Nicht das Ziel unseres ersten Ausflugs, aber des zweiten: der Scarborough Beach.
Im Pulli am Strand: Der australische Herbst ist kälter als erwartet.
Am Strandzugang warnt ein Schild vor Schlangen. Willkommen in Australien!
Der Scarborough Beach gehört zu dem circa 60 Kilometer langen Küstenstreifen Sunset Coast, „Sonnenuntergangsküste“.
Mutige wagen sich auch bei Wind und Außentemperaturen um die 18 Grad ins Wasser.
Der Scarborough Beach liegt rund 15 Kilometer nordwestlich von Perths Innenstadt.

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