Yaks und Jurten

Von der Seite sieht der Turtle Rock tatsächlich aus wie eine Schildkröte. Mit einem flachen, furchigen Panzer und einem viereckigen Kopf, der neugierig nach oben schaut. Alex und ich sitzen ein paar hundert Meter entfernt von der graubraunen Felsgruppe. Wir essen Brot und Kekse und schauen einer Gruppe Wanderer zu, die sich in mehr als 20 Metern Höhe am Hals der Schildkröte entlang hangelt.

So viel Aufregung brauchen wir heute nicht. Uns reicht es, die Reisebusse zu beobachten, die auf dem schlaglochgespickten Erdweg heranschwanken, und den Touristen dabei zuzusehen, wie sie ein Stück weiter unten auf der Wiese auf mongolischen Ponys hin- und herreiten. Von den vier Kamelen, die ein paar Meter neben den Pferden auf dem Boden liegen, möchte sich an diesem Nachmittag niemand tragen lassen. Trotz der gelben und blauen Stoffdecken, aus denen ihre Höcker ragen.

Der 24 Meter hohe Schildkrötenfelsen gilt als die Sehenswürdigkeit schlechthin im Gorchi-Tereldsch-Nationalpark, rund 55 Kilometer nordöstlich der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator. Mit dem Bus fahren wir in das 1993 etablierte Schutzgebiet. Rund zwei Stunden dauert die Fahrt von der dichtbefahrenen Peace Avenue in den Nationalpark.

 

Der Schildkrötenfelsen ist eine der Sehenswürdigkeiten im Gorchi-Tereldsch-Nationalpark.
Auf dem Gelände rund um den Granitblock sammeln sich Kamele, Pferde und Touristen.
In den Weiten der Mongolei …
… fällt es dennoch nicht schwer, ein einsames Plätzchen zu finden.

An der Straße, die zum Schildkrötenfelsen führt, steigen wir mit Dominique, 26, aus Lörrach und Oli, 27, aus Bern aus dem Bus. Die beiden Studenten reisen mit dem Zug innerhalb von fünf Wochen von Moskau nach Shanghai. Das Jurten-Camp, in dem sie und wir übernachten werden, liegt ein Stück abseits der Hauptstraße auf einem Hügel. Nachdem wir im Lager angerufen haben, holen uns die Betreiber im Auto ab. Mit den Rucksäcken im Kofferraum rumpeln wir den Hang hinauf. Die geteerte Straße haben wir längst verlassen.

Das Jurten-Camp besteht aus etwa 15 Gers, deren weißer Stoff sich vor dem Grau des Bergmassivs dahinter abhebt. Ein Zaun schützt die Rundzelte und ihre Bewohner vor Kühen, Yaks, Pferden, Schafen und Ziegen. In der Mongolei dürfen sich die Tiere frei bewegen, während sich die Menschen in ihrem Wohnraum auf wenige Quadratmeter beschränken.

Ungefähr 30 Prozent der Mongolen leben heute noch nomadisch. Nicht selten teilt sich eine ganze Familie ein Rundzelt. Dass wir ein Ger für uns allein haben, ist also Luxus. Wir fühlen uns sofort wohl, als wir unser vorübergehendes Heim betreten. Auf dem Boden liegen dicke, rote Teppiche, an den Seiten befinden sich orange bemalte Holzbetten und in der Zeltmitte steht ein Ofen aus Metall, dessen Rohr durch eine Öffnung in der Decke ragt.

Als wir abends in unseren Betten liegen, klopft es. Alex öffnet die ebenfalls orange bemalte Holztür. Ein Mann tritt ein. Er trägt Turnschuhe und ein schwarzes Baseballcap. Er lächelt und deutet auf den Ofen. Ohne unsere Antwort abzuwarten, klappt er die Ofenluke auf, legt eine Plastiktüte voll Kohlen in den Metallkörper und feuert sie mit einem Bunsenbrenner an. Es riecht nach Holz und nach verbranntem Plastik. Kein Wunder, dass während der Wintermonate, wenn die Temperatur auf bis zu minus 30 Grad fällt, stets eine dichte Feinstaubwolke über Ulan Bator hängt: Auch in der Hauptstadt leben noch immer viele Menschen in den typisch nomadischen Rundzelten.

Selbst jetzt, im August, ist es nachts oft empfindlich kühl. Als wir in der Dunkelheit über die Wiese zum Waschraum gehen, sehen wir kaum eine Jurte, aus deren Ofenrohr sich keine Rauchsäule emporzwirbelt. Schlecht für die Umwelt. Aber welche Möglichkeit haben die Mongolen sonst, sich warm zu halten?

 

Zwei Nächte verbringen wir in dieser Jurte.

Nach einer ruhigen Nacht und einem schnellen Frühstück brechen wir zu Fuß zum sieben Kilometer entfernten Schildkrötenfelsen auf. Ungefähr eine halbe Stunde lang lotst unsere Offline-Karte uns einen Erdpfad entlang, auf dem auch Autos und, seltener, Lastwagen fahren. Dann geht es bergauf, durchs Hinterland, über pinienbestandene Hügel und Wiesen voller Bergblumen. Der Gorchi-Tereldsch-Nationalpark, mit 2931 Quadratkilometern größer als das Saarland, wird auch die „mongolische Schweiz“ genannt.

Auf den letzten Metern zum Turtle Rock begleitet uns ein schwarzer Hund. Kurz vor dem Ziel bleibt er in einem Tümpel liegen. Wir setzen uns auf die Wiese gegenüber des gigantischen Granitblocks und essen unser Vesper. Anschließend machen wir uns auf den Rückweg.

Etwa einen Kilometer vor dem Lager treffen wir auf eine Herde Yaks. Rund 30, 40 Tiere stehen oder liegen mitten auf dem Erdpfad. Mit ihrem langen Bauchfell und den weichen Mäulern sehen sie zwar eher träge aus als aggressiv. Trotzdem dauert es ein paar Minuten, bis wir uns an den großen Rindern mit ihren ausladenden Hörnern vorbei trauen. Mit klopfenden Herzen und ein paar Metern Sicherheitsabstand schleichen wir uns an der Herde vorbei. Die Yaks bemerken uns überhaupt nicht.

 

Der Gorchi-Tereldsch-Nationalpark wird auch die „mongolische Schweiz“ genannt.
Auf dem Weg zum Schildkrötenfelsen …
… treffen wir Kälber …
… Pferde und Katzen …
… einsame Bäume …
… eine Swastika-Jurte …
… und noch mehr Kälber.
Über Hügel und durch Wälder lotst unsere Offline-Karte uns zum Turtle Rock.

Nach einer weiteren Nacht im Ger fährt einer der Angestellten des Jurten-Lagers Dominique, Oli, Alex und mich im Auto zu der Bushaltestelle an der Hauptstraße. Wir wollen zurück nach Ulan Bator. Als Alex unseren Fahrer fragt, wann der nächste Bus kommt, reckt der nur den Zeigefinger in die Luft, legt den Kopf schief und sagt, beinahe philosophisch: „One time, one bus.“ Aha. „Was will er uns damit sagen?“, fragt Dominique, als das Auto zum Lager zurückfährt. „Kommt Zeit, kommt Bus vielleicht?“, überlegt Alex.

Wir warten eine halbe Stunde, doch der Bus kommt nicht. Dafür bekommen wir Gesellschaft: Zwei Frauen und ein Mann stellen sich neben uns an die Bushaltestelle. Wir schöpfen Hoffnung – allerdings nur so lange, bis die drei ein vorbeifahrendes Auto heranwinken und nach kurzer Verhandlung davonfahren. Als wenig später ein Auto direkt neben uns hält und der Fahrer vorschlägt, uns für umgerechnet 5,30 Euro in die nächste Stadt mitzunehmen, überlegen wir nicht lange. In Nalaich steigen wir ohne zu warten in den Bus nach Ulan Bator. Eineinhalb Stunden rumpeln wir stehend zurück in die mongolische Hauptstadt. Die Sitzplätze sind alle belegt.

In UB, wie die Expats die Stadt nennen, verbringen wir vor unserer Abreise nach China noch eine Woche. Wir treffen Fanny und Andy, die wir in der Transmongolischen Eisenbahn kennengelernt haben, und unsere Arbeitskollegin Regine, die mit ihrer Schwester und deren Sohn knapp drei Wochen durch die Mongolei reist. Außerdem laden wir Ramona und Jan zum Essen ein, mit denen wir zwei Wochen vorher stundenlang vor der chinesischen Botschaft ausgeharrt haben, um unsere Visa zu beantragen.

Wir verbringen viel Zeit am Laptop, um zu arbeiten, schauen uns aber auch die wichtigsten Sehenswürdigkeiten an: den Winterpalast des Bodg Khan, der Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurde, die Dsaisan-Gedenkstätte, die an die im Zweiten Weltkrieg gefallenen Sowjetsoldaten und die Freundschaft zwischen der Mongolei und der UdSSR erinnern soll, sowie das Gandan-Kloster, das 1727 gegründet wurde.

 

Im Winterpalast residierte einst der Bogd Khan, einer der Herrscher über die Mongolei. Heute ist der Palast ein Museum.
In der Dsaisan-Gedenkstätte stellen Wandgemälde Szenen der Freundschaft zwischen der UdSSR und der Mongolei dar.
Dreihundert Stufen führen zu der Gedenkstätte.

Das Kloster wurde 1937, während des stalinistischen Terrors, schwer beschädigt. Zur Zeit der Mongolischen Volksrepublik, von 1921 bis 1990, war die Mongolei ein sowjetischer Staat und stark von Russland abhängig. Das Ausüben von Religion war praktisch verboten. Fast alle Klöster wurden zerstört, viele religiöse Führer getötet.

Dennoch wurde das Gandan-Kloster bereits Mitte der 1940er Jahre wiedereröffnet. Es war das einzige buddhistische Kloster im Land, bis die Mongolei zu einem demokratischen Staat wurde und an die buddhistischen Praktiken der Vergangenheit angeknüpfen konnte. Heute leben wieder mehr als 150 Mönche in den Klostergebäuden.

 

Auf dem Weg zum Gandan-Kloster bekommt Alex als Dank fürs Fotoknipsen Taubenfutter geschenkt.
Das Kloster liegt auf einem Hügel westlich des Stadtzentrums.
Bis 1990 war das Gandan-Kloster das einzige Kloster der Mongolei, in dem religiöse Zeremonien stattfinden durften.
Der Sukhbaatar-Platz wurde nach dem Revolutionsführer Damdiny Sukhbaatar benannt.
Eine Dschingis-Khan-Statue wacht über den Platz.

Das sowjetische Erbe der Mongolei ist noch heute in der Architektur Ulan Bators erkennbar. Rund um den Beatles Square – der seinen Namen einem der britischen Rockband gewidmeten Denkmal verdankt – drücken sich graue Betonblöcke aneinander. Im State Department Store, einem nach vorne hin verglasten Quadratklotz voller Läden auf der gegenüberliegenden Straßenseite, gibt es vom Kaschmir-Pullover bis zum USB-Stick alles zu kaufen. In dem Supermarkt in seinem Erdgeschoss liegt neben der mongolischen Mangelware Frischobst auch Importware wie Kaffeefilter, Haferflocken oder Gummibärchen aus.

In dieser Hinsicht unterscheidet sich UB nicht von anderen Hauptstädten: Trotz der vielen kleinen Läden, der stellenweise löchrigen Straßen, des ewigen Staus und des Hupens gibt es in der Stadt große Einkaufszentren, Hochhäuser mit plakatgroßen LED-Bildschirmen, vegane Restaurants.

Rund um den zentralen Sukhbaatar-Platz, auf dem eine Dschingis-Khan-Statue über die Bewohner der Hauptstadt wacht, sprießen seit ein paar Jahren die Wolkenkratzer in die Höhe. Zwar regelt an der Straßenkreuzung vor dem Platz ein Polizist auf einem Podest händisch den Verkehr, gleichzeitig sind gefühlt die Hälfte aller umherfahrenden Autos Hybridwägen. Ulan Bator schwebt zwischen Moderne und Tradition, zwischen Zukunft und Vergangenheit. Ob China, das Land, in das wir als Nächstes reisen werden, ähnlich ist?

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