Allein auf der Großen Mauer

Um kurz vor 17 Uhr ist außer uns niemand mehr auf der Großen Mauer. Alex und ich können unser Glück kaum fassen: Wir sind allein auf dem größten Bauwerk der Erde. Zumindest auf diesem Abschnitt der Mauer, nahe dem Dorf Mutianyu, rund 70 Kilometer nordöstlich von Peking.

Vor uns schlängelt sich die Mauer wie ein graues Band über die dicht bewachsenen, dunkelgrünen Hügel. Dahinter überlagern sich die Berge in fein abgestuften Blautönen. Die Sonne scheint kräftig, es sind über 27 Grad, der Wind raschelt durch die Äste und Zweige neben den Mauerzinnen.

Zügig gehen wir von Wachtturm zu Wachtturm. Immer weiter steigen wir die steilen Treppenstufen aus Granit nach oben. Wir wollen den unrestaurierten Teil der Mauer erreichen, auf dem Büsche und Bäume wachsen. Eine halbe Stunde haben wir Zeit, bevor wir uns auf den Rückweg machen müssen. Gegen 18 Uhr fährt der letzte Shuttlebus ins Tal.

Meine Beine zittern beim Aufstieg zum hintersten der 23 zugänglichen Wachttürme. Ab und zu muss ich anhalten, kurz durchatmen. Die Treppenstufen sind hoch und weit auseinander. Wenn ich hinter mich schaue, wird mir schwindelig. Gar nicht so schlecht, denke ich, dass auf der rechten Seite der Mauer in regelmäßigen Abständen Notrufsäulen angebracht sind. Ich kann mir gut vorstellen, dass der eine oder die andere kurz vor dem Ende des Weges aus falschem Ehrgeiz nach oben geklettert, aber nicht mehr aus eigenen Kräften hinunter gekommen ist.

 

Auf der Großen Mauer. Mutianyu liegt etwa 70 Kilometer nordöstlich von Peking.
23 Wachttürme verteilen sich auf dem rund 2,5 Kilometer langen Mauerabschnitt.
Stellenweise führen die Stufen sehr steil den Berg hinauf.
Am Horizont überlagern sich die Berge in fein abgestuften Blautönen.

Rund 2,5 Kilometer lang ist der für Touristen geöffnete Mauerabschnitt bei Mutianyu. Er gilt als einer der am besten erhaltenen Bereiche der insgesamt 21.196 Kilometer langen Chinesischen Mauer. Mitte des 6. Jahrhunderts wurde der Verteidigungswall bei Mutianyu während der Herrschaft der Nördlichen Qi-Dynastie erbaut. Ende des 16. Jahrhunderts wurde die heutige Mauer auf den Fundamenten der ersten errichtet.

Obwohl der bekanntere Mauerabschnitt Badaling von Peking aus bequem mit dem Zug erreichbar ist, fahren wir lieber nach Mutianyu. Dort soll die Mauer weniger stark besucht sein. Um 11 Uhr brechen wir auf. Wir wollen erst nachmittags ankommen, wenn die meisten Touristen gegangen sind.

Mit der U-Bahn fahren wir zum Überlandbusbahnhof Dongzhimen. Dort steigen wir in den Bus 916, der alle fünf Minuten abfährt. Etwa eine Stunde dauert die Fahrt nach Huairo, wo wir rund 20 Minuten auf den Anschlussbus H23 warten. An der Bushaltestelle wollen uns eine Frau und ein Mann dazu überreden, zu ihnen ins Taxi zu steigen. Die Mauer schließe bereits um 16 Uhr, behauptet die Frau. Gut, dass wir uns informiert haben: Wir wissen, dass die Mauer im Sommer bis um 18 Uhr geöffnet ist.

Doch so schnell geben die zwei nicht auf. „Ten yuan, let’s go!“, ruft die Frau immer wieder. Mit jeder Minute, die vergeht, wird ihr Angebot günstiger. Da wir sie ignorieren, versucht der Mann es mit einer anderen Strategie. Direkt neben Alex lehnt er sich auf das Geländer der Bushaltestelle. Und genau wie Alex stützt er das Kinn auf seine Faust. Dann seufzt er laut: „Waiting, waiting, waiting!“ Eine Szene wie aus einem Loriot-Film.

 

Der Mauerabschnitt bei Mutianyu diente einst als Verteidigungswall der Hauptstadt und der kaiserlichen Gräber.
Zum ersten Mal auf der Großen Mauer: ein surreales Gefühl.
Seit 1987 gehört die Chinesische Mauer zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Endlich kommt der Bus. Fast alle Plätze sind belegt, deshalb setzt Alex sich neben eine junge Frau. Ich nehme ein Stück weiter hinten neben einem alten Mann mit buschigen Augenbrauen Platz. Obwohl ich bis auf „Hallo“ (Ni hao) und „Danke“ (Xièxiè) kein Wort Mandarin verstehe, er kein Englisch spricht, führen wir eine Unterhaltung. Ob wir zur Mauer fahren, will der alte Mann wissen und gibt mir zu verstehen, dass er selbst auf dem Weg nach Mutianyu ist. Dann kramt er seinen Ausweis hervor und zeigt auf das Foto, auf dem er zwar deutlich zu erkennen, aber auch deutlich jünger ist. Er lacht. Ich zeige auf mich und signalisiere mit den Fingern: 31. So alt bin ich. Er deutet auf sich, streckt erst Zeige- und Mittelfinger, danach nur den Zeigefinger nach oben: 21. Er zwinkert, wir kichern beide.

Von der Bushaltestelle sind es nur wenige Hundert Meter bis zum Besucherzentrum, wo wir Eintrittskarten und Fahrkarten für die Seilbahn kaufen. Man kann zwar auch zur Mauer wandern, doch für die 4000 Stufen braucht man ungefähr eine Stunde. Um kurz vor 15 Uhr wollen wir keine Zeit mehr verschwenden.

Oben angekommen sind wir beide überwältigt. „Wir sind auf der Großen Mauer“, sagen wir abwechselnd alle paar Minuten, wie um uns gegenseitig zu vergewissern, dass dem tatsächlich so ist. Dass wir nicht gleich aus einem Traum erwachen.

Zweieinhalb Stunden spazieren wir die Mauer entlang, klettern Wachtürme hinauf und hinunter. Eine halbe Stunde lang haben wir die Chinesische Mauer für uns allein. Wir genießen die Stille. Erst gegen 17.20 Uhr machen wir uns auf den Heimweg. Wir müssen uns beeilen, hasten die 4000 Stufen hinab, um den letzten Shuttlebus zu erwischen. Als wir uns keuchend auf die Sitze fallen lassen, sitzt vor uns die junge Frau, die uns an der oberen Seilbahnstation begrüßt hat. Auch die Angestellten fahren nach Hause.

 

Auf dem unrestaurierten Teil der Mauer wachsen Büsche und Bäume.
Eine Seilbahn bringt die Besucher zum Wachtturm 14.
Zweieinhalb Stunden verbringen wir auf der Großen Mauer.
  1. Robert Schmid

    Hi, dank MM Wochenend auf Deinem Blog. Wahnsinn.

    • schrittwaerts

      Vielen Dank, lieber Robert! Wir können es selbst oft kaum glauben 🙂 Liebe Grüße, Melanie & Alex

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