Unverhofftes Glück

Am Morgen nach dem Sturm schauen Alex und ich uns als Erstes die Schäden aus dem Fenster an. An diesem Vormittag werden wir von Hongkong zurück nach China reisen. In der Hochhaussiedlung Lohas Park, wo wir sechs Tage lang gewohnt haben, hat der Taifun Mangkhut zum Glück nur ein paar Palmen geköpft und etwas Glas zerbrochen. Um 8 Uhr praktizieren zwei ältere Herren und eine Dame auf dem Dach des 6. Stocks schon wieder Qigong, als ob nichts ihre tägliche Routine je gestört hätte.

Auf dem Weg zur U-Bahn wollen wir im Supermarkt noch etwas Proviant kaufen, doch er ist geschlossen. Mit Wischmopps kehren die Angestellten das Wasser aus den Gängen. In einem kleinen Laden in der U-Bahn-Station decken wir uns mit Snacks für die Reise ein. Eine halbe Stunde fahren wir bis Kowloon Tong. Dort drängen sich so viele Menschen in den Gängen, dass wir beschließen, mit dem Bus oder einem Taxi weiterzufahren.

Draußen informiert uns ein Metro-Angestellter jedoch, dass die Straße wegen Baumschäden gesperrt ist. Wir haben keine Alternative zur U-Bahn. Zurück in der Station lösen wir neue Fahrkarten und reihen uns in die Menge der Wartenden ein. Mit den großen Rucksäcken auf dem Rücken und den kleinen vor dem Bauch ist das Anstehen sehr anstrengend. Wir tragen beide 21 Kilo. Es ist heiß, überall um uns herum sind Menschen, die wenigen Ventilatoren an der Decke sorgen kaum für Abkühlung.

 

In den U-Bahn-Stationen Hongkongs drängen sich am Tag nach dem Sturm die Menschen.

Immerhin endet die Wartezeit schneller als erwartet. Nach einer halben Stunde können wir in eine Bahn einsteigen und nach Tai Po Market fahren. Von dort aus müssten wir theoretisch nur noch 20 Minuten mit der East Rail Line fahren. Doch ein Teil der Strecke ist gesperrt: Auch hier haben umgefallene Bäume den Verkehr unterbrochen.

Wir verlassen die U-Bahn-Station, um einen Bus zu suchen, der uns zur nächsten erreichbaren Station bringt. Es gibt keinen. Neben der U-Bahn-Station ist zwar ein kleiner Busbahnhof, doch die Busse fahren alle nicht in unsere Richtung. Was nun? Die Schlange derjenigen, die auf ein Taxi warten, zieht sich vom Ausgang der U-Bahn-Station bis weit in das Gebäude. Für eine Taxifahrt müssten wir bestimmt zwei Stunden anstehen.

Wir schauen uns fragend an. Haben wir überhaupt eine Wahl? „Wo wollt ihr hin?“, fragt uns in dem Moment ein Mann mit kurzem, schwarz-graumeliertem Haar und einem dunkelgrünen Polo-Shirt. Ich erkläre ihm, dass wir nach einem Bus suchen, der zur nächsten Haltestelle fährt. Der Mann bedeutet uns, ihm nachzugehen. Wieder schauen wir uns an. Und folgen ihm. Was haben wir schon zu verlieren?

An einem weißen Pick-up weist der Mann uns an, unsere Rucksäcke auf der Rückbank zu verstauen und einzusteigen. Er fahre uns jetzt zur Haltestelle Sheung Shui, sagt er. Wir können unser Glück kaum fassen. Steven, erfahren wir, arbeitet für die Hongkonger Regierung als eine Art Ranger. Er wird angerufen, wenn in der Stadt gefährliche Schlangen gesichtet werden oder wilde Hunde streunen. Auf dem Handy zeigt er uns das Foto einer toten Schlange. „Das war heute Morgen“, sagt er.

 

Steven fährt uns zur nächsten U-Bahn-Haltestelle.

Wir fahren über die Autobahn. Auf dem Weg sehen wir umgeknickte Bäume und große Äste, die auf der Straße liegen. Ein paar hundert Meter vor der U-Bahn-Station kommt der Verkehr fast zum Erliegen. Wir kommen nur langsam weiter. Steven wird trotzdem nicht ungeduldig, er fährt uns bis vor den Eingang. Als wir uns bei ihm bedanken und ihm nochmals Geld für die Fahrt anbieten, winkt er ab. Taxi-Fahrer seien keine guten Menschen, sagt er: „Sie sind immer nur auf Geld aus.“

Wir winken ihm noch einmal zu, bevor wir die U-Bahn-Station betreten. Schon eine Viertelstunde später erreichen wir die Endhaltestelle der East Rail Line. Der Grenzübergang befindet sich im selben Gebäude. Einen Tag nach dem Sturm ist wenig los an den Kontrollstationen. Hongkong können wir bequem per Self-Check-In verlassen. Auch am Einreiseschalter der chinesischen Behörden müssen wir nicht lange warten.

Ich reiche der Zollbeamtin meinen Reisepass. Sie scannt ihn ein, blättert durch die Seiten, schaut mich an. „Sie reisen nach Guilin?“, will sie wissen. Ich bin verdutzt. „Woher wissen Sie das?“, frage ich. „Die meisten Ausländer gehen dorthin“, sagt sie und lächelt. Ich lächle unsicher zurück. Sie stempelt meinen Reisepass, gibt ihn mir wieder. Ob der chinesische Zoll Zugriff auf unsere Zugfahrkarten hat?, frage ich mich, als wir zum Ausgang gehen.

Wir haben es geschafft. Wir sind zurück in China, wegen des Sturms allerdings einen Tag später als geplant. In der Grenzstadt Shenzhen hätten wir die Nacht zuvor verbringen sollen. An diesem Morgen wären wir eigentlich mit dem Zug weiter nach Guilin gereist. Obwohl unsere Bahn längst weg ist, fahren wir mit der U-Bahn zum Nordbahnhof. Wir wollen nachfragen, ob es noch Fahrkarten für einen späteren Zug gibt.

Die Schlangen vor den Fahrkartenschaltern sind ungewöhnlich lang. Eine Dreiviertelstunde müssen Alex und ich warten, bis wir an die Reihe kommen. Als wir endlich vor der Glasscheibe stehen und nach den Tickets fragen, verweist uns die Angestellte an den Schalter gegenüber. Sie sei nur für das Ausdrucken von Reservierungen zuständig. Frustriert stellen wir uns vor dem anderen Schalter an. Wir müssen weitere 45 Minuten warten. Umsonst: Sogar die Stehplätze sind ausverkauft.

Wir kaufen Fahrkarten für den folgenden Morgen. Anschließend setzen wir uns an einen Nudelimbiss am Bahnhofseingang. Es ist mittlerweile 15 Uhr, wir haben beide Hunger. „Und jetzt?“, frage ich Alex. Wir schreiben Luther, in dessen Airbnb-Zimmer wir die Nacht zuvor verbracht hätten, wenn der Taifun unsere Pläne nicht durcheinander gewirbelt hätte. Schon nach zehn Minuten vibriert Alex‘ Handy. Luther schreibt: Wir können kommen. Unverhofftes Glück, ein zweites Mal an diesem Tag.

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