Stadt mit Aussicht

China zu verlassen ist einfacher, als ich erwartet hatte. Nach einer Nacht in der Grenzstadt Shenzhen, in einem Hostel, in dem die Matratzen so dünn sind, dass ich nicht auf dem Bauch oder der Seite schlafen kann, ohne dass mir die Hüftknochen weh tun, reisen Alex und ich am Grenzübergang Futian nach Hongkong ein. Alles, was wir dafür tun müssen, ist einen Ausreisezettel für die chinesischen Behörden auszufüllen. Für die Einreise nach Hongkong brauchen wir nicht einmal ein Visum. 90 Tage lang könnten wir nun theoretisch in der chinesischen Sonderverwaltungsregion bleiben. Wenn das Leben dort nicht so teuer wäre.

Der Wohnraum in Hongkong ist knapp und kostet. In der 7,5-Millionen-Metropole leben im Schnitt 6429 Einwohner auf einem Quadratkilometer. In Deutschland sind es gerade einmal 232. Junge Erwachsene wohnen deshalb meist solange bei ihren Eltern, bis sie selbst heiraten und eine Familie gründen, sagt Tammy, 25, die mit ihren Eltern und ihrem zehn Jahre jüngeren Bruder im Norden Hongkongs, in den New Territories, lebt. Ich lerne die freischaffende PR-Agentin über Couchsurfing kennen, wo sie sich registriert hat, um nach der Uni weiterhin regelmäßig Englisch zu sprechen.

Ihr Schulfreund Tony, 24, begleitet uns in ein Dim-Sum-Restaurant nahe der U-Bahn-Station Prince Edward auf der Halbinsel Kowloon. Neben Hong Kong Island, Kowloon und den darüberliegenden New Territories gehören auch mehr als 260 größtenteils unbewohnte Inseln zu Hongkong. Mit einer Fläche von etwas mehr als 1100 Quadratkilometern ist die Sonderverwaltungszone aber nicht einmal so groß wie ein Drittel Mallorcas.

 

In Hongkong leben rund 7,5 Millionen Menschen.
Währungs-Wirrwarr: Drei verschiedene Banken dürfen im Finanzzentrum Hongkong Geld drucken.

Tony hat Medizin studiert und arbeitet als Pfleger in einem Krankenhaus der Regierung. Draußen ist es bereits dunkel, als wir uns an einen Tisch setzen. Da ich zum ersten Mal Dim Sum esse und nicht weiß, was gut ist, suchen Tammy und Tony das Essen aus. Kurz nachdem die beiden bestellt haben, stellt der Kellner Schalen und eine Teekanne vor uns ab. Tony gießt den duftenden Tee in eine Schale, mit einem Porzellanlöffel säubert er darin die Teetassen und Essstäbchen. „Man weiß nie, wie sauber ein Restaurant ist“, sagt er.

Langsam füllt sich unser Tisch: Wir bekommen Porzellanplatten und Bambuskörbe voll frittierter Auberginen, gefüllter Reisbällchen und Teigtaschen, fluffiger Rührkuchen und süßer Brötchen. In Hongkong esse man Süßes und Salziges durcheinander, erklärt Tammy und nimmt sich ein Stück Kuchen.

Ich bin eigentlich schon mehr als satt, als wir nach unseren asiatischen Tapas den Garden Hill besteigen und auf die beleuchtete Skyline Kowloons herabschauen. Doch Tammy und Tony bestehen darauf, später noch in ein Dessert-Restaurant mit mir zu gehen. Wer könnte dazu Nein sagen?

Eine Dreiviertelstunde später reihen wir uns in die Schlange vor dem Lokal ein. Wir müssen eine Nummer ziehen, aber nicht allzu lange warten, bis wir uns an einen der Plastiktische im Inneren setzen dürfen. Auch das Essen kommt recht schnell, nachdem wir es bestellt haben: süße, kalte Suppen mit Früchten, Ei, Tofu oder Reisbällchen. Die Suppen seien alle fertig, die Kellner müssen sie nur noch abfüllen und an den Tisch bringen, sagt Tammy. „Weil die Mieten in Hongkong so hoch sind, achten die Restaurantbesitzer darauf, dass die Gäste höchstens eine halbe Stunde bleiben und den Platz dann wieder frei machen für neue Besucher.“

 

Mit Tony und Tammy esse ich süße Suppen …                                                                                                                  Foto: Tony
… und Dim Sum.
Tammy (re.) und ich sitzen auf dem Garden Hill, mit Blick auf die Skyline Kowloons.                                                  Foto: Tony

Auf dem Weg zur U-Bahn unterhalten wir uns über die politische Situation Hongkongs und die Beziehung seiner Bewohner zu Festlandchina. „Die chinesische Regierung versucht immer mehr, Einfluss auf die Menschen, die hier leben, auszuüben“, sagt Tammy. Ihr Gesichtsausdruck ist ernst. „Wenn es nach ihr geht, soll Hongkong bald zu einer weiteren chinesischen Großstadt werden.“ Die Inhalte einiger Schulbücher seien bereits geändert worden, sagt sie, außerdem solle Mandarin das in Hongkong gebräuchlichere Kantonesisch als Unterrichtssprache verdrängen. „Ich glaube, mein Bruder und die Generationen nach ihm werden sich viel stärker als wir mit China identifizieren.“

Ende 2014 unterstützten Tammy und Tony die Studenten, die monatelang Hongkongs Häuserschluchten blockierten, um für freie Wahlen zu protestierten. Doch das erfolglose Ende der sogenannten „Regenschirm-Revolution“ desillusionierte die beiden. „Selbst wenn wir noch zwei Jahre demonstrieren würden: Es würde sich nichts ändern“, sagt Tony.

Wir verabschieden uns am U-Bahn-Eingang, versprechen, über WhatsApp in Kontakt zu bleiben. Alex liegt schon im Bett, als ich um kurz nach Mitternacht in unserer Unterkunft ankomme.

Tags darauf fahren wir mit der U-Bahn und dem Bus nach Lantau Island. Etwas mehr als zweieinhalb Stunden sind wir unterwegs, bis wir am Tian Tan Buddha ankommen. Die 34 Meter hohe Bronzestatue thront auf der Spitze eines bewaldeten Hügels. Auf ihrer Brust prangt eine Swastika. Der Anblick ist auch nach zwei Monaten in Asien ungewohnt.

Mit zahlreichen anderen Besuchern steigen wir die weiße Treppe zur Statue hinauf. Es ist heiß und hell. Die Sonne verschwindet nur selten hinter den vorbeiziehenden Wolken. 268 Stufen sind es bis nach oben. Zwei gläubige Buddhisten vor uns fallen immer wieder auf die Knie, verneigen sich vor der Plastik. Der Ausblick auf der Plattform unterhalb des Sockels ist herrlich: Wenn wir in die Richtung schauen, in die der Buddha blickt, sehen wir dunkelgrüne Berge und die orangenen Dächer des Po-Lin-Klosters. Hinter seinem Rücken Meer.

Wir wundern uns darüber, dass wir weder für den Big Buddha noch für die Tempel des Po-Lin-Klosters Eintritt zahlen müssen. Im Gegensatz zu China sind in Hongkong nahezu alle Sehenswürdigkeiten kostenfrei zugänglich.

 

Der Tian Tan Buddha befindet sich auf Lantau Island, der größten Insel Hongkongs.
Die Bronzestatue ist 34 Meter hoch und 250 Tonnen schwer.
Auf der Treppe zum Big Buddha verneigen sich gläubige Buddhisten immer wieder.
Das Po-Lin-Kloster trägt den Beinamen „buddhistisches Königreich im Süden“.
Das Kloster wurde 1924 gegründet.
Im Kloster-Restaurant werden nur vegetarische Speisen serviert. Das Menü für eine Person (oben) hat für uns beide gereicht.
Der Big Buddha und die Tempel des Po-Lin-Klosters sind kostenfrei zugänglich.
Der Tian Tan Buddha gehört zu den fünf größten Buddha-Statuen in China.

Mit dem Bus und der U-Bahn fahren wir am späten Nachmittag zurück nach Hongkong Central. Zu Fuß wandern wir auf den Victoria Peak. Für den steilen Aufstieg brauchen wir etwas mehr als eine Stunde. Die Luft ist heiß und feucht. Ein alter Mann überholt uns. Völlig verschwitzt erreichen wir kurz vor Sonnenuntergang den Aussichtspunkt unterhalb des Gipfels. Dort haben bereits Dutzende Fotografen ihre Kameras aufgestellt. Der Blick auf das Meer, die Schiffe, die Hochhäuser im Abendlicht ist überwältigend.

Auf dem Weg zurück in die Stadt zittern unsere Knie. Der Tag war lang und anstrengend. Schweigend steigen wir die Treppen nach unten. Wir sind beide erschöpft, außerdem müssen wir auf die ungleichmäßig hohen Stufen achten. Unter dem Blätterdach der Bäume ist es nachts besonders dunkel. Ich leuchte mit der Smartphone-Taschenlampe vor uns. Erst nach einer guten Dreiviertelstunde erreichen wir die Innenstadt. „Sollen wir mit der Fähre noch kurz rüber nach Kowloon fahren?“, frage ich Alex und blinzle. „Das Viertel Tsim Sha Tsui soll voll schön sein.“ Er lacht nur.

 

Fotostopp an einem Aussichtspunkt des 552 Meter hohen Victoria Peak.
Der chinesische Name des Victoria Peak, Tai Ping Shan, bedeutet „Berg des großen Friedens“.
Nachts leuchten die Wolkenkratzer des Stadtteils Central in bunten Farben.

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