Ein neues Leben

Die Schreie der Ziege klingen spitz, leidend. Wir gehen schneller, wollen die Menschen, die sich um das Tier scharen, es festhalten, zur Rede stellen. Erst, als wir nur noch wenige Meter von der Gruppe entfernt sind, sehen wir: Niemand quält die Ziege. Eine Frau hält das hochschwangere Tier an den Hörnern, während ein kleiner Junge an den zwei dünnen Vorderbeinen zieht, die aus ihrem Hinterleib ragen.

Die Ziege schreit nochmals auf und ein dunkles, nasses Bündel rutscht aus ihrem hellbraunen Körper auf den Boden. Sie dreht sich sofort um, fängt an, ihr Kleines abzulecken. Ein neues Leben. Wir sind überwältigt. Eigentlich wollten wir uns an diesem Tag nur die Klosteranlage Erdene Dsuu ansehen. Ein Glück, dass wir uns dazu entschieden haben, zuerst ihre Außenmauer zu umrunden. Es ist die erste Geburt, die wir beide sehen.

 

Angeleitet von seinem Geburtshelfer trinkt das neugeborene Zicklein zum ersten Mal.

 

Seit einem Tag sind wir in Kharkhorin. Die ehemalige Hauptstadt des mittelalterlichen Mongolenreichs liegt zwar nur etwa 320 Kilometer westlich von der aktuellen Hauptstadt Ulan Bator. Doch die Fahrt dorthin dauert gut sechs Stunden. Um elf Uhr morgens steigen wir am Dragon-Bus-Terminal in den Bus. Alle Plätze sind belegt. Die Strecke ist beliebt, der Bus fährt nur einmal täglich. Unsere Tickets haben wir deshalb schon am Vortag gekauft.

Als der Motor röhrend anspringt, erwacht auch der Flachbildfernseher über dem Fahrersitz zum Leben. Wir sehen „The Voice of Mongolia“, „Mongolia’s Got Talent“ und mongolische Musikvideos, in denen es grundsätzlich um die Liebe zu gehen scheint – egal, ob Hip Hop oder Folklore läuft. In jedem dritten Video kommt eine Hochzeit vor. Die Lautstärke ist kopfschmerzfördernd.

Nach ungefähr 20 Minuten lassen wir die Ausläufer Ulan Bators hinter uns. Die Landschaft hinter der Stadt sieht aus wie ein Windows-XP-Desktophintergrund: sanfte, grüne Hügel, tiefblauer Himmel, weiße Wolkenberge. Vereinzelte Jurten, freilaufende Ziegen, Kühe, Pferde und Schafe, Strommasten, auf denen Greifvögel sitzen, ab und zu ein Autowrack am Straßenrand. Kaum Büsche oder Bäume. Während ich im Zwei-Minuten-Takt Fotos schieße, döst Alex zu meiner Rechten langsam weg.

 

Im Bus von Ulan Bator nach Kharkhorin laufen sechs Stunden lang Musikvideos.
Die Landschaft sieht aus wie ein Windows-XP-Desktophintergrund.
Gaya empfängt uns am Busbahnhof in Kharkhorin.

Um 17 Uhr erreichen wir Kharkhorin. Gaya erwartet uns bereits an der Bushaltestelle. Ihr Guesthouse ist die Anlaufstelle Nummer eins für Rucksackreisende in dieser Gegend. Gaya lacht und lacht, verfrachtet Gäste und Gepäck ins Auto, legt den Rückwärtsgang ein und erzählt dabei von der Klosteranlage Erdene Dsuu, dem ersten buddhistischen Kloster in der Mongolei, das 1586 gegründet wurde. Für sie ist das Routine.

Über eine rotbraune Erdstraße erreichen wir ihr Jurtenlager. Der Wagen wippt wie ein Schiff durch die tiefen Schlaglöcher. Gaya parkt vor dem Guesthouse. Dann zeigt sie uns unser Ger: die erste Jurte, in der wir übernachten. Das weiße Rundzelt ist schlicht eingerichtet. Ein Doppelbett und zwei Einzelbetten stehen auf dem Kunststoffboden, dazu ein Holztisch, ein Mülleimer und ein rosa Fußabtreter, der wie ein Bärenkopf aussieht. Das ist also unsere Bleibe für die kommenden drei Nächte. Vor der Tür riecht es nach wildem Salbei, innen nach nassem Hund.

 

„Watch your‘ head“ steht über dem Eingang zu unserem Ger. Wir stoßen uns trotzdem beide den Kopf an.
Digitaler Nomade: Alex mit Laptop und Kabeln im Jurtenlager
Unsere erste Jurte ist nur bedingt instagramtauglich.

Wir legen die Rucksäcke ab und gehen ins Haupthaus nebenan. In dem pastellgrünen Gebäude befindet sich neben einem Aufenthaltsraum, einer Küche, einem Badezimmer und ein paar Schlafzimmern auch Gayas Büro. Der kleine Raum ist so etwas wie die Zentrale des Guesthouses: der Ort, an dem Gaya Gäste empfängt, um mit ihnen Übernachtungen bei nomadischen Familien oder Touren in die Umgebung zu planen, an dem sie bei der Buchung von Busfahrkarten hilft und am Ende des Aufenthalts die Rechnung ausstellt.

Gaya ist die geborene Geschäftsfrau. Sie hat ein Gespür dafür, welche Route zu den Wünschen und dem Budget ihrer Gäste passt. Tut sich ein Problem auf oder ändern sich Pläne unerwartet, hat sie sofort eine neue Idee. Und weiß, wen sie anrufen muss, um diese umzusetzen. Über die Jahre hat sie sich ein weitverzweigtes Netzwerk an Geschäftspartnern aufgebaut.

Bevor wir im Gemeinschaftsraum Buus (mit eingelegtem Gemüse gefüllte, gedämpfte Teigtaschen) zu Abend essen, steigen wir den Hügel hinter dem Camp hinauf. Julia begleitet uns, eine 27-jährige Französin mit deutschem Vater, die ihren Job als Pharmazeutin in London aufgegeben hat, um die Welt zu bereisen. Seit April ist sie unterwegs, innerhalb von vier Monaten war sie in Laos, Kambodscha, Thailand, Indonesien, Nepal und Russland. Wann sie nach Europa zurückkehren wird, weiß sie nicht.

Unsere Schuhe färben sich gelb, als wir den Hang hinaufgehen. Auf dem Hügel wachsen winzige, gelbe Blumen, deren Blütenstaub sich im Stoff festsetzt. Oben, auf dem Plateau, schauen wir uns den Turtle Stone an: eine von vier Granitschildkröten hinter Eisengittern, die im 13. Jahrhundert aufgestellt wurden, um die Stadt Kharkhorin und ihre Bewohner zu beschützen. Anschließend setzen wir uns auf den gelben Blütengrund, blicken auf die Häuser, die Jurten und den Fluss Orkhon hinab, während die Sonne hinter der Bergkette am Horizont verschwindet.

 

Kurz vor Sonnenuntergang steigen wir auf den Hügel hinter Gayas Guesthouse.
Die gelben Blüten auf dem Hang verfärben unsere Schuhe.
Knochen sind in der Mongolei kein seltener Anblick. Immer wieder stoßen wir auf Rinder- und Pferdeschädel.
Vier Steinschildkröten wurden im 13. Jahrhundert vor Kharkhorin aufgestellt, um die Stadt und ihre Bewohner zu beschützen.
Jurtendorf neben der Stadt: Rund 30 Prozent der Mongolen leben heute noch nomadisch.
Einsamer Reiter mit Smartphone
Hirtenmoderne: Mit dem Motorrad werden die Ziegen zu ihrem abendlichen Weideplatz getrieben.

Unausgeschlafen machen wir uns am nächsten Morgen auf den Weg zum Kloster. Die Nacht war kalt, außerdem haben uns schwarze Käfer wachgehalten. Dort, wo normalerweise ein Ofenrohr aus dem Jurtendach ragt, bedeckt unser Ger eine Plastikplane. Und die ist nicht ganz dicht. Durch die Löcher krabbeln Fliegen, Spinnen und Käfer, die vom Licht in der Jurte angezogen werden. Mit einem lauten „Plopp“ fallen sie auf den Boden.

Von Gayas Guesthouse sind es nur eineinhalb Kilometer bis zum Kloster Erdene Dsuu. Vor der Anlage stehen Fressbuden und Reisebusse. Neben dem Eingang posieren Schausteller in traditioneller mongolischer Tracht für Touristen. Einige Urlauber lassen sich mit einem Adler auf dem Arm fotografieren. Die riesigen Greifvögel werden in der Mongolei bis heute zur Jagd eingesetzt. Immer häufiger dienen sie mittlerweile aber dem weitaus einträglicheren Geschäft mit den Touristen.

 

Erdene Dsuu wurde 1586 als erstes buddhistisches Kloster in der Mongolei gegründet.
100 Stupas krönen die Außenmauer des Klosters.
In der 400 mal 400 Meter großen Anlage lebten einst mehr als 1000 Mönche.
Buddhistische Gebetsmühlen vor einem Tempel.
1937 wurde das Kloster fast vollständig zerstört. Nur vier Tempel und die Außenmauer sind bis heute erhalten.

Nach der Stille des Vorabends überrascht uns der Trubel vor dem Kloster. Wir beschließen, den Touristenmassen auszuweichen. Langsam gehen wir an der Außenmauer Erdene Dsuus entlang. Alex erschrickt, als direkt neben seinem Fuß ein großer, brauner Grashüpfer aufspringt und mit einem lauten „Bssst“ davonfliegt. Ich lache. Fünf Schritte weiter ergeht es mir genauso.

Da hören wir die Ziege schreien. Nachdem das Zicklein zur Welt gekommen ist, bleiben wir noch eine Weile bei den Tieren. Wir schauen zu, wie das Kleine zum ersten Mal trinkt, erleben seine ersten Gehversuche. Eine Ziegengeburt so spät im Jahr sei ungewöhnlich, sagt eine mongolische Fremdenführerin, die mit einer Gruppe Touristen das Kloster besucht. Die mongolischen Winter seien hart, im Januar könne die Temperatur auf  minus 30 Grad sinken. „Es kann sein, dass das Kleine nicht lange überlebt.“ „Määääh“, macht das Zicklein in dem Moment. Wie um zu widersprechen.

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