Couchsurfing in Singapur

Bang hockt vor dem Grill und fächelt Luft an die Kohlen. Der Rauch hängt vor der Wohnungstür, kratzt im Hals. Alex und ich stehen mit unseren großen Rucksäcken vor dem Grill. Wir sind eben erst an Bangs Wohnung angekommen. Beziehungsweise an der Wohnung seiner Eltern. Unser Couchsurfing-Gastgeber wohnt noch in seinem Kinderzimmer. Die Mietpreise in Singapur sind hoch. Zu hoch für einen 24-Jährigen, der als freischaffender Fotograf und Koch arbeitet.

Bang hat kurze, schwarze Haare, trägt knielange Jeans, eine eckige Brille, schwarze Gummischlappen und ein weißes T-Shirt mit lila Batikmuster. Auf seiner Stirn kleben Schweißperlen. Es ist sehr warm an diesem Abend, über den Grill gebeugt ist es noch heißer.

Wir schwitzen ebenfalls. Die Anfahrt aus Malaysia war lang und umständlich – unser Busfahrer hat uns am Grenzübergang einfach stehen lassen. Immerhin waren wir da schon in Singapur. Im rund 240 Kilometer entfernten Malakka haben wir die vergangene Woche verbracht. Die schöne Küstenstadt zählt seit 2008 zusammen mit George Town, im Norden des Landes, zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Zugegeben, unseren Aufenthalt in Malakka haben wir mehr zum Essen als zum Sightseeing genutzt. Wir haben die Küche der Minderheit Baba-Nyonya, malaiisches Laksa (Fischsuppe) und Cendol-Eis probiert (geraspeltes Wassereis mit grünem Pandan-Gelee, Bohnen, Kokosmilch und Palmzucker-Syrup). Wir haben Curry und Naan-Brote in einem indischen Straßenrestaurant, scharfe Spaghetti, Fish’n’Chips und Pandan-Pfannkuchen in einem Hipster-Lokal gegessen.

 

Malakka liegt an der Westküste Malaysias, rund 240 Kilometer nordwestlich von Singapur.
Seit 2008 gehört die 485.000-Einwohner-Stadt zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Der Malakka-Fluss mündet in die Straße von Malakka. Früher war er eine wichtige Handelsstraße.
Die Gebäude auf dem Roten Platz stammen aus der niederländischen Kolonialzeit (1641 bis 1824).
Eine Möglichkeit, Malakka zu erkunden: eine Tour in der Fahrradrikscha.
Sind sie nicht bezaubernd?
Selbstverständlich kann man auch selbst aktiv werden und durch die engen Gassen der Altstadt radeln.
Finde den Vogel.
Ein unbewohntes Haus im chinesischen Viertel. Viele Kolonialgebäude Malakkas sind noch erhalten.
Deftiges Frühstück: Laksa ist eine Fischsuppe auf Kokosmilch-Basis.
In der Ruine der 1521 erbauten St.-Pauls-Kirche. Heute ist der Islam Staatsreligion in Malaysia.
Die Aussicht vom Bukit China, dem angeblich größten chinesischen Friedhof außerhalb Festlandchinas.
Die Jonker Street in der Innenstadt Malakkas wird von Freitag bis Sonntag abends zum Nachtmarkt.

„Habt ihr Hunger?“, fragt Bang. „Ich benutze den Grill heute zum ersten Mal, das kann noch eine Weile dauern.“ Er steht auf, gibt uns ein Zeichen, ihm zu folgen. An der Tür ziehen wir die Schuhe aus. In Asien gilt es als unhöflich, ein Haus in Straßenschuhen zu betreten.

Bang, der eigentlich Shian Bang heißt und schon mehr als 100 Couchsurfing-Teilnehmer bei sich zu Hause aufgenommen hat, zeigt uns die Wohnung: Die kleine Küche und das Badezimmer, das wir während unseres Besuchs für uns alleine haben werden, das Wohnzimmer mit dem langen Esstisch und dem Sofa. Über der Couch hängen Fotos der Stadt, die Bang geschossen hat.

Unser Zimmer liegt am Ende des Gangs gegenüber dem Raum unseres Gastgebers. An den Wänden stehen ein Schrank, eine Vitrine und ein Schreibtisch, zwei dünne Matratzen liegen auf dem Boden. Hier werden wir also die kommenden drei Nächte verbringen. Wir stellen unsere Rucksäcke ab und folgen Bang zurück vor die Wohnung.

Es dauert tatsächlich noch eine ganze Weile, bis der Grill heiß ist. Als die Kohlen endlich glühen, legt Bang Spieße mit Mais, Zwiebeln und Paprika, in Blätter gewickelten Fisch und Bündel langer, dünner Pilze auf das Metallgitter. Er weiß, dass ich Pescetarierin bin, Alex nur selten Fleisch isst.

Auf seinem Couchsurfing-Profil bittet Bang seine Gäste darum, ihm Allergien und Essensvorlieben mitzuteilen. Er betreibt Couchsurfing noch so, wie es ursprünglich gedacht war: als Austausch zwischen Gleichgesinnten und Kulturen, als mehr als eine kostenlose Übernachtungsmöglichkeit.

Seine Mutter und sein Vater essen mit uns zu Abend. Die beiden sprechen nur wenig Englisch, geben sich aber viel Mühe, sind mehr als gastfreundlich. „Was sagen denn eure Eltern dazu, dass ihr so lange unterwegs seid?“, will Bangs Mutter wissen. Sie fragt auf Chinesisch, ihr Sohn übersetzt. Wir sind mehr als 10.000 Kilometer entfernt von der Heimat, und die Fragen der Eltern sind immer noch dieselben.

Nach dem Essen zeigt Bang uns ein paar seiner Fotos auf dem Computer. Er ist sehr talentiert, knipst vor allem Portraits und Werbebilder. Am nächsten Morgen nimmt er uns mit zum Hawker-Zentrum um die Ecke. Wir frühstücken gefüllte Pfannkuchen, frittierte Bananen und Kaffee mit Kondensmilch. Singapur ist bekannt für sein hervorragendes Essen.

Die vielen Hawker-Zentren sind die Küche der Einheimischen. In den halboffenen Gebäuden befinden sich Essensstände und Tische für die Speisenden. Die Hawker-Zentren wurden in den 50er- und 60er-Jahren als hygienische Alternative zu den Straßenküchen im Freien eingerichtet. Die Stände mit den längsten Schlangen gelten als die mit dem besten Essen.

 

Grillabend mit unserem Couchsurfing-Gastgeber Bang (re.) und seinen Eltern
Frühstück im Hawker-Zentrum

Nach dem Essen begleitet Bang uns zur Bushaltestelle. Auf den Ratschlag seines Vaters hin wollen Alex und ich die Insel Ubin erkunden. Der Bus bringt uns zur Fähranlegestelle. Die Überfahrt auf dem kleinen Boot dauert nur zehn Minuten.

Im Dorf hinter dem Hafen leihen wir uns Fahrräder. Mit ihnen fahren wir zuerst in den Osten, dann in den Westen der Insel. Die Pulau Ubin ist acht Kilometer lang und 1,3 bis 1,7 Kilometer breit. Sie liegt in der Straße von Johor zwischen Singapur und Malaysia und hat gerade einmal um die 100 Einwohner. Dafür leben im Dschungel viele Langschwanzmakaken und Wildschweine.

Eins der Schweine streift gefährlich nah um unsere Fahrräder, als wir von einer kurzen Wanderung durch einen Mangrovenwald zurückkommen. Ich habe ein bisschen Angst, aber zum Glück wird dem Schwein bald langweilig und es zieht weiter.

Schwitzend fahren wir über den weichen Erdboden. Es ist schwülwarm und still, bis auf das Zirpen der Grillen und das Zwitschern der Vögel. Wir sind froh, auf Bangs Vater gehört zu haben und so eine Seite von Singapur zu sehen, die wir sonst wahrscheinlich nicht kennengelernt hätten.

 

Krasser Gegensatz zur Innenstadt: Die Pulau Ubin liegt vor der Nordostküste Singapurs in der Straße von Johor.
Alex und ich erkunden die Insel mit dem Fahrrad.
Die Insel ist von Wanderwegen durchzogen. Dieser führt übers Meer und zurück in den Mangrovenwald.
Verschwitzt, aber glücklich über die Auszeit vom Stadtleben. Die Metropole scheint weit entfernt.

Am frühen Abend fahren wir mit dem Bus und der Metro ins Zentrum. Am Raffles Place wollen wir zu Abend essen. Das Unternehmen Impossible Foods veranstaltet eine Aktion, bei der seine rein pflanzlichen Burger nur fünf Singapur-Dollar (3,30 Euro) kosten.

Impossible Foods produziert Fleischersatzprodukte aus Kartoffel- und Soja-Protein. Und die sollen richtig gut schmecken. Doch die Schlange vor dem Foodcourt ist so lang, dass wir die Hoffnung auf einen Burger schnell aufgeben. Alex gönnt sich stattdessen einen Döner, ich mir indisches Essen.

Zu Fuß gehen wir anschließend zu den rund zweieinhalb Kilometer entfernten Gardens by the Bay, einem 101 Hektar großen Parkgelände hinter dem ikonischen Hotel Marina Bay Sands. Als wir im Bay South Garden ankommen, hat die Lichtshow schon begonnen.

Jeden Abend um 19.45 Uhr und 20.45 Uhr leuchten die riesigen Supertrees – pflanzenbewachsene Stahlgerüste, die aussehen wie Bäume – zu Musik in bunten Farben auf. Obwohl wir nur wenig verpasst haben, sehen wir uns auch die zweite Vorstellung an. Auf dem noch warmen Boden liegend schauen wir dabei zu, wie die Supertrees im Rhythmus der Lieder glitzern und funkeln.

Durch das Hotel Marina Bay Sands und eine Luxus-Shoppingmall, durch die sogar ein Fluss fließt, spazieren wir zurück zur Stadtbucht. Nachts ist Singapurs Skyline besonders beeindruckend. Die Lichter der Hochhäuser spiegeln sich im Wasser.

Singapur ist um einiges reicher als die Länder, in denen wir die vergangenen Monate verbracht haben. Rund 5,7 Millionen Menschen leben in dem Land, das mit 725 Quadratkilometern Fläche kleiner ist als die Insel Rügen. Mit mehr als 64.500 US-Dollar pro Kopf liegt das Bruttoinlandsprodukt des Stadtstaats über dem von Deutschland (rund 47.500 US-Dollar). Im Nachbarland Malaysia dagegen beträgt es keine 12.000 US-Dollar.

 

Singapur gehört zu den zehn reichsten Ländern der Erde.
Wir schauen nur: Eine Nacht im Luxushotel Marina Bay Sands kostet gut 350 Euro im Doppelzimmer.
Auch nachts ist das Gebäude beeindruckend. Seine drei Türme ragen 191 Meter in die Höhe.
Liegend Lichtshow gucken: Die Supertrees in den Gardens by the Bay sind zwischen 25 und 50 Meter hoch.
Crazy Rich Asians: Diese Shoppingmall hat einen eigenen Fluss.
Singapurs Innenstadt bei Nacht. Der Stadtstaat gilt neben Hongkong als wichtigster Finanzplatz Asiens.

Es ist schon spät, als wir nach Hause kommen. Trotzdem begleite ich Bang am folgenden Morgen ins Hallenbad um die Ecke. Um 8 Uhr gehen wir los. „Möchtest du eine Schwimmbrille?“, fragt er mich im Wohnzimmer. „Ähh, nein danke“, sage ich. Wozu sollte ich eine Schwimmbrille brauchen?

Eine Viertelstunde später weiß ich es. Bang und ich treffen uns vor der Umkleidekabine. Er trägt einen engen, schwarzen Schwimmanzug, der ihm über die Schultern und die Oberschenkel reicht. Und eine Schwimmbrille. Er möchte trainieren. Ups. Ich hatte erwartet, dass wir nur ein bisschen im heißen Jacuzzi dümpeln würden.

Das tun wir auch. Aber erst, nachdem wir unser Workout geschafft haben. Bang ist besser in Form als ich, er ist viel schneller. Ich lasse mir Zeit, ziehe im Oma-Stil meine Bahnen, schön mit dem Kopf über dem Wasser, um den intensiven Chlor-Geruch einzuatmen und den Schulkindern im Bereich neben uns beim Schwimmunterricht zuzusehen.

Im Jacuzzi erzählt Bang von seiner Zeit bei der Armee, wo er vier Jahre lang als Fotograf gearbeitet hat, und von seinen Reisen nach Europa. Dank Couchsurfing hat er fast überall Freunde, bei denen er übernachten kann.

Den Rest des Tages verbringen Alex und ich in der Stadt. Wir besichtigen die Haw-Par-Villa, einen Skulpturenpark der Brüder Aw Boon Haw und Aw Boon Par, deren Vater die Salbe Tiger Balm erfunden hat. Wir fotografieren die Wolkenkratzer der Innenstadt, schauen uns die Sultan-Moschee im arabischen Viertel, die Nationalbibliothek und das Parkview Square an. Das 144 Meter hohe Bürogebäude wird auch „Gotham-Gebäude“ genannt, weil sein düsterer Art-déco-Stil an die fiktive Batman-Stadt Gotham City erinnert.

 

Posen in der Haw-Par-Villa
Der Skulpturenpark wurde 1937 erbaut. Er zeigt chinesische Mythen und Märchen.
Gegründet wurde der Park von den Brüdern Aw Boon Haw und Aw Boon Par, deren Vater die Salbe Tiger Balm erfunden hat.
Das Viertel Chinatown liegt südlich des Singapore Rivers.
Das Bürogebäude Parkview Square wurde von 1999 bis 2002 errichtet.
Die Bar im Inneren des „Gotham-Gebäudes“ ist, wie das Äußere, im Art-déco-Stil gehalten.

Abends besuchen wir Ivy und Martin in ihrer Wohnung in Tampines. Auch die beiden haben wir über Couchsurfing kennengelernt. Ivy stammt aus Singapur, Martin kommt aus Nürtingen – gar nicht so weit weg von unserer Heimat. Wir trinken Kaffee, essen Blaubeerkuchen und sehen uns Fotos von den beiden und Martins Eltern beim Fahrradfahren nahe Stuttgart an. Beim Anblick der Fachwerkhäuser, grünen Wiesen und Gerstenfelder bekommen wir ein bisschen Heimweh.

Mit der Metro fahren wir zurück zu Bang und seinen Eltern. Während Alex unter der Dusche steht, zeigt Bangs Vater mir Fotobände aus Singapurs Vergangenheit. Er hat jahrelang als Fotojournalist gearbeitet. Auch eines seiner Fotos ist in dem dicken Bildband.

Am nächsten Morgen begleitet Bang uns zum Bus nach Kuala Lumpur. Vor der Abfahrt gehen wir ein letztes Mal miteinander essen. In einer winzigen Garküche frühstücken wir mit Kartoffeln und Sardellen gefüllte Teigtaschen und Kaya-Toast, ein für Singapur typisches Frühstück: über Holzkohle geröstete Weißbrotscheiben mit Butter und Kaya-Aufstrich, einer traditionellen Konfitüre aus Kokosnuss, Eiern und Pandanusblättern. Dazu bekommen wir zwei noch fast flüssige Eier, die Bang mit einem Schuss Sojasauce und etwas Pfeffer würzt, bevor er seinen Toast eintunkt.

Der Abschied ist kurz, aber herzlich. Bang wartet, bis wir im Bus sitzen, dann verschwindet er in einer von Singapurs Hochhausschluchten. Um 12.30 Uhr beginnt die Fahrt. Alex und ich verlassen die reichste Stadt Südostasiens. Nach gut sechs Stunden Fahrt erreichen wir Kuala Lumpur.

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